Zwölf mit der Post

Original-Übersetzung

 

Es war eine schneidende Kälte, sternenheller Himmel, kein Lüftchen regte sich.
‚Bums!‘ Da wurde ein alter Topf an die Haustüre des Nachbars geworfen. ‚Puff, paff!‘ Dort knallte die Büchse; man begrüßte das neue Jahr. Es war Neujahrsnacht! Jetzt schlug die Turmuhr zwölf!
‚Trateratra!‘ Die Post kam angefahren. Der große Postwagen hielt vor dem Stadttore an. Er brachte zwölf Personen mit, alle Plätze waren besetzt.
„Hurra! Hurra! Hoch!“ sangen die Leute in den Häusern der Stadt, wo die Neujahrsnacht gefeiert wurde und man sich beim zwölften Schlage mit dem gefüllten Glase erhob, um das neue Jahr leben zu lassen.
„Prost Neujahr!“ hieß es, „ein schönes Weib! Viel Geld! Keinen Ärger und Verdruss!“
Das wünschte man sich gegenseitig, und darauf stieß man mit den Gläsern an, dass es klang und sang – und vor dem Stadttore hielt der Postwagen mit den fremden Gästen, den zwölf Reisenden.
Und wer waren diese Fremden? Jeder von ihnen führte seinen Reisepass und sein Gepäck bei sich; ja, sie brachten sogar Geschenke für mich und dich und alle Menschen des Städtchens mit. Wer waren sie, was wollten sie, und was brachten sie?
„Guten Morgen!“ riefen sie der Schildwache am Eingange des Stadttores zu.
„Guten Morgen!“ antwortete diese, denn die Uhr hatte ja zwölf geschlagen.
„Ihr Name? Ihr Stand?“ fragte die Schildwache den von ihnen, der zuerst aus dem Wagen stieg.
„Sehen Sie selbst im Passe nach“, antwortete der Mann. „Ich bin ich!“ Und es war auch ein ganzer Kerl, angetan mit Bärenpelz und Pelzstiefeln. „Ich bin der Mann, in den sehr viele Leute ihre Hoffnung setzen. Komm morgen zu mir; ich gebe dir ein Neujahrsgeschenk! Ich werfe Groschen und Taler unter die Leute, ja ich gebe auch Bälle, volle einunddreißig Bälle, mehr Nächte kann ich aber nicht draufgehen lassen. Meine Schiffe sind eingefroren, aber in meinem Arbeitsraum ist es warm und gemütlich. Ich bin Kaufmann, heiße Januar und führe nur Rechnungen bei mir.“
Nun stieg der zweite aus, der war ein Bruder Lustig; er war Schauspieldirektor, Direktor der Maskenbälle und aller Vergnügungen, die man sich nur denken kann. Sein Gepäck bestand aus einer großen Tonne.
„Aus der Tonne“, sagte er, „wollen wir zur Fastnachtszeit die Katze herausjagen. Ich werde euch schon Vergnügen bereiten und mir auch; alle Tage lustig! Ich habe nicht gerade lange zu leben; von der ganzen Familie die kürzeste Zeit; ich werde nämlich nur achtundzwanzig Tage alt. Bisweilen schalten sie mir zwar auch noch einen Tag ein – aber das kümmert mich wenig, hurra!“
„Sie dürfen nicht so schreien!“ sagte die Schildwache.
„Ei was, freilich darf ich schreien“, rief der Mann, „ich bin Prinz Karneval und reise unter dem Namen Februarius.“
Jetzt stieg der dritte aus; er sah wie das leibhaftige Fasten aus, aber er trug die Nase hoch, denn er war verwandt mit den ‚vierzig Rittern‘ und war Wetterprophet. Allein das ist kein fettes Amt, und deshalb pries er auch das Fasten. In einem Knopfloche trug er auch ein Sträußchen Veilchen, auch diese waren sehr klein.
„März! März!“ rief der vierte ihm nach und schlug ihn auf die Schulter; „riechst du nichts? Geschwind in die Wachstube hinein, dort trinken sie Punsch, deinen Leib- und Labetrunk; ich rieche es schon hier außen. Marsch, Herr Martius!“ – Aber es war nicht wahr, der wollte ihn nur den Einfluss seines Namens fühlen lassen, ihn in den April schicken; denn damit begann der vierte seinen Lebenslauf in der Stadt. Er sah überhaupt sehr flott aus; arbeiten tat er nur sehr wenig; desto mehr aber machte er Feiertage. „Wenn es nur etwas beständiger in der Welt wäre“, sagte er; „aber bald ist man gut, bald schlecht gelaunt, je nach Verhältnissen; bald Regen, bald Sonnenschein; ein- und ausziehen! Ich bin auch so eine Art Wohnungsvermietunternehmer, ich kann lachen und weinen, je nach Umständen! Im Koffer hier habe ich Sommergarderobe, aber es würde sehr töricht sein, sie anzuziehen. Hier bin ich nun! Sonntags geh‘ ich in Schuhen und weißseidenen Strümpfen und mit Muff spazieren.“
Nach ihm stieg eine Dame aus dem Wagen. Fräulein Mai nannte sie sich. Sie trug einen Sommermantel und Überschuhe, ein lindenblattartiges Kleid, Anemonen im Haare, und dazu duftete sie dermaßen nach Waldmeister, dass die Schildwache niesen musste. „Zur Gesundheit und Gottes Segen!“ sagte sie, das war ihr Gruß. Wie sie niedlich war! Und Sängerin war sie, nicht Theatersängerin, auch nicht Bänkelsängerin, nein, Sängerin des Waldes; – den frischen, grünen Wald durchstreifte sie und sang dort zu ihrem eigenen Vergnügen.
„Jetzt kommt die junge Frau!“ riefen die drinnen im Wagen, und aus stieg die junge Frau, fein, stolz und niedlich. Man sah es ihr an, dass sie, Frau Juni, von faulen Siebenschläfern bedient zu werden gewohnt war. Am längsten Tage des Jahres gab sie große Gesellschaft, damit die Gäste Zeit haben möchten, die vielen Gerichte der Tafel zu verzehren. Sie hatte zwar ihren eigenen Wagen; allein sie reiste dennoch mit der Post wie die andern, weil sie zeigen wollte, dass sie nicht hochmütig sei. Aber ohne Begleitung war sie nicht; ihr jüngerer Bruder Julius war bei ihr.
Er war ein wohlgenährter Bursche, sommerlich angekleidet und mit Panamahut. Er führte nur wenig Gepäck bei sich, weil dies bei großer Hitze zu beschwerlich sei; deshalb hatte er sich nur mit einer Schwimmhose versehen, und dies ist nicht viel.
Darauf kam die Mutter selbst, Madame August, Obsthändlerin en gros, Besitzerin einer Menge Fischteiche, sie war dick und heiß, fasste selbst überall an, trug eigenhändig den Arbeitern Bier auf das Feld hinaus. „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen!“ sagte sie, „das steht in der Bibel. Hinterdrein kommen die Spazierfahrten, Tanz und Spiel und die Erntefeste!“ Sie war eine tüchtige Hausfrau.
Nach ihr stieg wieder ein Mann aus der Kutsche, ein Maler, Herr Koloriermeister September; der musste den Wald bekommen; die Blätter mussten Farbe wechseln, aber wie schön; wenn er es wollte, schillerte der Wald bald in Rot, Gelb oder Braun. Der Meister pfiff wie der schwarze Star, war ein flinker Arbeiter und wand die blaugrüne Hopfenranke um seinen Bierkrug. Das putzte den Krug, und für Ausputz hatte er gerade Sinn. Da stand er nun mit seinem Farbentopfe, der war sein ganzes Gepäck!
Ihm folgte der Gutsbesitzer, der an den Saatmonat, an das Pflügen und Beackern des Bodens, auch an die Jagdvergnügungen dachte; Herr Oktober führte Hund und Büchse mit sich, hatte Nüsse in seiner Jagdtasche – ‚knick, knack!‘ Er hatte viel Reisegut bei sich, sogar einen englischen Pflug; er sprach von der Landwirtschaft; aber vor lauter Husten und Stöhnen seines Nachbars vernahm man nicht viel davon. –
Der November war es, der so hustete, während er ausstieg. Er war sehr mit Schnupfen behaftet; er putzte sich fortwährend die Nase, und doch, sagte er, müsse er die Dienstmädchen begleiten und sie in ihre neuen Winterdienste einführen; die Erkältung, meinte er, verliere sich schon wieder, wenn er ans Holzmachen ginge, und Holz müsse er sägen und spalten; denn er sei Sägemeister der Holzmacherinnung.
Endlich kam der letzte Reisende zum Vorschein, das alte Mütterchen Dezember mit der Feuerkiepe; die Alte fror, aber ihre Augen strahlten wie zwei helle Sterne. Sie trug einen Blumentopf auf dem Arme, in dem ein kleiner Tannenbaum eingepflanzt war. „Den Baum will ich hegen und pflegen, damit er gedeihe und groß werde bis zum Weihnachtsabend, vom Fußboden bis an die Decke reiche und emporschieße mit flammenden Lichtern, goldenen Äpfeln und ausgeschnittenen Figürchen. Die Feuerkiepe wärmt wie ein Ofen; ich hole das Märchenbuch aus der Tasche und lese laut aus ihm vor, dass alle Kinder im Zimmer still, die Figürchen an dem Baume aber lebendig werden und der kleine Engel von Wachs auf der äußersten Spitze die Flittergoldflügel ausbreitet, herabfliegt vom grünen Sitze und klein und groß im Zimmer küsst, ja, auch die armen Kinder küsst, die draußen auf dem Flure und auf der Straße stehen und das Weihnachtslied von dem Bethlehemsgestirne singen.“
„So! Jetzt kann die Kutsche abfahren“, sagte die Schildwache, „wir haben sie alle zwölf. Der Beiwagen mag vorfahren!“
„Lass doch erst die zwölf zu mir herein!“ sprach der Wachhabende, „einen nach dem andern! Die Pässe behalte ich hier; sie gelten jeder einen Monat; wenn der verstrichen ist, werde ich das Verhalten auf dem Passe bescheinigen. Herr Januar, belieben Sie näher zu treten.“
Und Herr Januar trat näher.
Wenn ein Jahr verstrichen ist, werde ich dir sagen, was die zwölf uns allen gebracht haben. Jetzt weiß ich es noch nicht, und sie wissen es wohl selbst nicht – denn es ist eine seltsam unruhige Zeit, in der wir leben.

 

Über diese Märchen

Dieses Märchen wurde 1861 zum ersten mal in dem Buch namens ”Nye Eventyr og Historier. Anden Række. Første Samling. 1861” veröffentlicht.

Zwei Jungfern

Original-Übersetzung

 

Hast Du jemals eine Jungfer gesehen? Ich meine was die Steinsetzer eine Jungfer nennen, eine, mit der man die Pflastersteine feststampft. Sie ist ganz aus Holz, nach unten breit und mit eisernen Reifen beschlagen, und oben schmal und von einem Stab durchzogen, das sind ihre Arme.
In einem Hofe standen zwei solcher Jungfern, sie standen zwischen Schaufeln, Klaftermaßen und Schiebkarren, und dorthin drang das Gerücht, dass die Jungfern für die Zukunft nicht mehr „Jungfern“, sondern „Stempel“ genannt werden sollten, und das ist die neueste und einzig richtige Benennung in der Steinsetzersprache für das, was wir alle in alten Zeiten eine Jungfer nannten.
Nun gibt es unter uns Menschen etwas, was „emanzipierte Frauenzimmer“. genannt wird, wozu Pensionatsvorsteherinnen, Hebammen, Tänzerinnen, die in ihrem Berufe auf einem Bein stehen, Modistinnen und Pflegerinnen gezählt werden, und dieser Reihe von Emanzipierten schlossen sich auch die zwei Jungfern im Hofe an. Sie waren Jungfern bei der Wegebaubehörde und wollten unter keinen Umständen ihren guten alten Namen aufgeben und sich „Stempel“ nennen lassen.
„Jungfer ist ein Menschenname,“ sagten sie, „aber Stempel ist ein Ding, und wir lassen uns nicht Ding nennen, das ist ein Schimpf für uns.“
„Mein Verlobter ist imstande, die Verbindung mit mir zu lösen!“ sagte die Jüngere, die mit einem Rammbock verlobt war; das ist so eine große Maschine die Pfähle eintreibt, sie tut also im Groben, was die Jungfer im Feinen tut. Er will mich als Jungfer haben, aber als Stempel vielleicht nicht, also kann ich mich nicht umtaufen lassen!“
„Und ich lasse mir lieber beide Arme abbrechen!“ sagte die Ältere.
„Der Schiebkarren hatte jedoch eine andere Meinung darüber, und der Schiebkarren war etwas, er sah sich für eine Viertelkutsche an, da er ebenfalls auf einem Rade ging.
„Ich muss Ihnen sagen, dass Jungfer zu heißen ziemlich gewöhnlich ist und längst nicht so fein, als Stempel genannt zu werden; denn wenn man diesen Namen führt, wird man mit den Siegeln auf eine Stufe gestellt. Denken Sie nur an das Siegel des Reiches. Ich, an Ihrer Stelle, würde die Jungfer aufgeben!“
„Niemals. Dazu bin ich zu alt“ sagte die Ältere.
„Sie wissen wohl nicht, was die europäische Notwendigkeit bedeutet!“ sagte das ehrliche alte Klaftermaß. „Man muss sich einschränken, unterordnen, sich der Zeit und der Notwendigkeit fügen, und ist es ein Gesetz, wonach die Jungfer Stempel genannt werden soll, so muss sie Stempel genannt werden. Jedes Ding muss nach seinem eigenen Klaftermaß gemessen werden!“
„Da würde ich mich doch lieber Fräulein nennen lassen!“ sagte die Jüngere, wenn nun schon einmal geändert werden soll; Fräulein schmeckt doch immer noch etwas nach Jungfer.“
„Aber ich lasse mich lieber kurz und klein hacken!“ sagte die alte Jungfer.
Nun ging es an die Arbeit; die Jungfern fuhren, sie wurden auf den Schiebkarren gelegt, das war immerhin eine feine Behandlung, aber Stempel wurden sie doch genannt.
„Jung“ sagten sie, indem sie das Steinpflaster stampften; „Jung“ und sie waren nahe daran, das ganze Wort „Jungfer“ auszusprechen; aber sie bissen kurz ab und schluckten herunter, was ihnen auf der Zunge schwebte, denn sie fanden, dass sie nicht einmal etwas entgegnen durften. Aber unter sich redeten sie sich mit dem Namen „Jungfer“ an und priesen die guten alten Tage, als man noch jedes Ding bei seinem rechten Namen nannte und Jungfer genannt wurde wenn man Jungfer war. Und das blieben sie auch alle beide, denn der Rammbock, die große Maschine, hob wirklich die Verlobung mit der Jüngeren auf, mit einem Stempel wollte er sich nicht einlassen.

 

Über diese Märchen

Dieses Märchen wurde 1853 veröffentlicht.

Zwei Brüder

Original-Übersetzung

 

Auf einer der dänischen Inseln, wo alte Thingsteine, der Urväter Gerichtssitzes, sich in den Kornfeldern erheben und große Bäume in den Buchenwäldern, liegt ein kleines Städtchen, dessen niedrige Häuser mit roten Ziegeln gedeckt sind. In einem dieser Häuser wurden über glühenden Kohlen auf dem offenen Herd wunderliche Dinge gebraut, es wurde in Gläsern gekocht, gemischt und destilliert, und Kräuter wurden zerhackt und in Mörsern zerstoßen; ein älterer Mann stand dem Ganzen vor. „Man muss nur das Rechte tun“, sprach er, „ja, das Rechte, das Richtige, die Wahrheit in jedem erschaffenen Teil muss man kennen und sich an sie halten“.
In der Stube bei der braven Hausfrau saßen ihre zwei Söhne, noch klein, aber mit erwachsenen Gedanken. Auch die Mutter hatte ihnen stets von Recht und Gerechtigkeit gesprochen, sie ermahnt, an der Wahrheit festzuhalten, die sei das Antlitz Gottes in dieser Welt.
Der älteste der Knaben sah schelmisch und unternehmend aus, seine Lust war es, von den Naturkräften, von Sonne und Sternen zu lesen, kein Märchen liebte er so. Oh, wie schön musste es sein auf Entdeckungsreisen zu gehen oder herauszufinden, wie die Flügel der Vögel nachzumachen seien, und dann fliegen zu können; ja, das herauszufinden, das sei das Rechte. Vater hatte recht, und Mutter hatte Recht; die Wahrheit hielt die Welt zusammen.
Der jüngere Bruder war stiller und vertiefte sich ganz in die Bücher. Las er vom Jakob, der sich in Schafsfelle kleidete, um Esau zu ähneln und sich dadurch das Erstgeburtsrecht zu erschleichen, so ballte sich seine kleine Faust im Zorn gegen den Betrüger; las er von den Tyrannen und all dem Unrecht und der Bosheit der Welt, so standen ihm Tränen in den Augen, der Gedanke an das Recht, an die Wahrheit, die siegen sollte und musste, erfüllte ihn ganz. Eines Abends – er lag schon im Bett, aber die Vorhänge waren noch nicht ganz zusammengezogen, das Licht strahlte zu ihm hinein – hatte er sein Buch mit ins Bett genommen, er wollte durchaus die Geschichte von Solon zu Ende lesen. Und die Gedanken hoben und trugen ihn gar wunderlich weit, es war ihm, als würde das Bett ein Schiff, das mit vollen Segeln dahinjagte. Träumte ihm, oder was ging mit ihm vor? Es glitt dahin über rollende Gewässer, die großen Seen der Zeit, er vernahm die Stimme Solons; ihm verständlich und doch in fremder Zunge vernahm er den dänischen Wahlspruch: „Mit Gesetz regiert man das Land!“
Und der Genius des Menschengeschlechts stand in der ärmlichen Stube, beugte sich über das Bett und drückte dem Knaben einen Kuss auf die Stirn: „Werde stark im Ruhm und stark im Kampf des Lebens! Die Wahrheit in der Brust, fliege dem Land der Wahrheit entgegen!“
Der ältere Bruder war noch nicht zu Bett, er stand am Fenster, schaute auf die Nebel hinaus, die sich von den Wiesen erhoben; es waren nicht die Elfen, die dort tanzten, wie die alte Kindermuhme ihm gesagt hatte, sondern er wusste es besser, es waren Dämpfe, wärmer als die Luft, und deshalb stiegen sie. Eine Sternschnuppe leuchtete und die Gedanken des Knaben waren im Nu von den Dünsten der Erde oben bei dem leuchtenden Meteor. Die Sterne des Himmels blitzten, es war, als hingen lange, goldene Fäden von ihnen herab bis auf die Erde.
„Fliege mit mir“, sang und klag es in das Herz des Knaben hinein, und der mächtige Genius der Geschlechter, schneller als der Vogel, als der Pfeil, als alles Irdische, was fliegen kann, trug ihn hinaus in den Raum, wo der Strahl von Stern zu Stern die Himmelskörper aneinander band; unsere Erde kreiste in der dünnen Luft; eine Stadt schien ganz in der Nähe der anderen zu liegen. Durch die Sphären klang es:
„Was ist nah, was ist fern, wenn der mächtige Genius des Geistes dich erhebt!“ Und wiederum stand der Kleine am Fenster und schaute hinaus, der jüngere Bruder lag in seinem Bett; die Mutter rief sie bei Namen: Anders Sandöe und Hans Christian!
Dänemark kennt sie, die Welt kennt sie; die beiden Brüder Oersted.

 

Über diese Märchen

Dieses Märchen wurde 1859 veröffentlicht.

„Wunderschön“

Original-Übersetzung

 

Der Bildhauer Alfred – du kennst ihn doch! Wir alle kennen ihn, er gewann die große goldene Medaille, bekam ein Reisestipendium ging nach Italien und kehrte wieder zurück in die Heimat; damals war er jung, das ist er zwar noch, aber doch immerhin zehn Jahre älter als zu jener Zeit.
Nach seiner Heimkehr besuche er eine von den kleinen Provinzstädten der Insel Seeland. Das ganze Städtchen wusste, wer der Fremde war; seinetwegen gab eine der reichsten Familien eine Gesellschaft, und dazu war alles, was etwas war oder etwas besaß, eingeladen; das war ein Ereignis, die Stadt wusste darum, ohne dass es ausgetrommelt worden war. Handwerkslehrlinge und Kinder kleiner Leute, ja, ein paar der kleinen Leute selber standen vor dem Hause und schauten zu den herabgelassenen beleuchtete Vorhängen hinauf; der Nachtwächter konnte sich einbilden, er selber gebe eine Gesellschaft, so viele Leute befanden sich auf der Straße, das schien ein wahres Vergnügen zu sein, und drinnen war auch das Vergnügen. Herr Alfred, der Bildhauer, war da. Er sprach, erzählte, und alle hörten ihm mit Freuden, ja mit einer Art Ehrfurcht zu, doch keiner in dem Maße wie die ältere Witwe eines Beamten; sie war allem gegenüber, was Herr Alfred sprach, ein unbeschriebenes Stückchen Löschpapier, das sofort das Gesprochene in sich einsog und nach mehr verlangte, sie war höchst empfänglich, unglaublich unwissend, ein weiblicher Kaspar Hauser.
„Rom möchte ich wohl sehen!“ sagte sie, „das muss eine liebliche Stadt sein mit all den Fremden, die dort ankommen, beschreibe Sie uns doch Rom. Wie sieht die Stadt denn aus, wenn man zum Tor hineinkommt?“
„Ja, das ist nicht leicht zu beschreiben“, sagte der junge Bildhauer. „Ein großer Platz, mitten auf dem Platz ein Obelisk, welcher tausend Jahre alt ist!“
„Ein Organist“ rief die Frau, sie hatte das Wort Obelisk noch nie gehört; einige konnten sich des Lachens nicht erwehren, auch der Bildhauer nicht, allein das Lächeln, welches schon um seine Lippen spielte, glitt vorüber, verlor sich in Betrachtung, denn er gewahrte dicht neben der Frau ein paar große meerblaue Augen, diese gehörten der Tochter, von der sie gesprochen hatte, und wenn man eine solche Tochter hat, kann man nicht einfältig sein! Die Mutter war eine immer sprudelnde Fragenquelle, die Tochter die schöne Najade der Quelle, die immer nur zuhört. Wie war sie wunderschön! Sie war ein Gegenstand der Betrachtung für den Bildhauer, nicht aber der Sprache, und sie sprach auch nicht, wenigstens sehr wenig.
„Hat der Papst eine große Familie?“ fragte die Frau. Und der junge Mann antwortete, als sei die Frage besser gestellt gewesen: „Nein, er ist nicht aus einer großen Familie.“ „Das meine ich nicht“, wandte die Frau ein; „ich meine, ob er Frau und Kinder hat?“ „Der Papst darf sich nicht vermählen“, antwortete er. „Das gefällt mir nicht!“ sagte die Frau. Sie hätte nun zwar klügere Fragen stellen können, aber wenn sie nicht gefragt und gesprochen hätte, wie sie es eben tat, ob dann wohl die Tochter sich so an ihre Schulter gelehnt und mit diesem fast rührenden Lächeln um sich geblickt hätte?
Und Herr Alfred sprach, sprach von der Farbenpracht Italiens, von den bläulichen Bergen, dem blauen Mittelmeer, dem blauen Himmel des Südens, einer Herrlichkeit und Schönheit, die man im hohen Norden nur von den blauen Augen der nordischen Jungfrau übertroffen finde. Und das war hier als Anspielung gemeint, aber die, welche diese Anspielung hätte verstehen sollten, tat, als habe sie sie nicht verstanden. und das war den wiederum wunderschön! „Italien!“ seufzten einige, „Reisen!“ seufzten andere. „Wunderschön! Wunderschön!“
Ja. wenn ich hunderttausend Taler in der Lotterie gewinne“, sagte die Obersteuereinnehmerin, „dann reisen wir: Ich und meine Tochter, und Sie, Herr Alfred, Sie werden uns führen! Wir reisen alle drei und noch ein paar gute Freunde mit uns!“ Und dabei nickte sie allen vergnüglich zu, ein jeder konnte sich einbilden: ich bin es, den sie mitnehmen will nach Italien. „Ja, nach Italien wollen wir! Aber wir wollen nicht dahin, wo Räuber sind, wir bleiben in Rom und auf den großen Landstraßen, wo man sicher ist.“
Und die Tochter seufzte ganz unmerklich; wie viel kann nicht in einem kleinen Seufzer liegen oder in ihm hineingelegt werden! Der junge Mann legte viel hinein; die zwei blauen Augen, an diesem Abend ihm zu Ehren so hell, verbargen Schätze, Schätze des Geistes und des Herzens, reich wie alle Herrlichkeiten Roms, und als er die Gesellschaft verließ – ja, da war er ganz weg – weg in das Fräulein.
Das Haus der Frau Obersteuereinnehmerin wurde von allen Häusern dasjenige, welches Herr Alfred, der Bildhauer, am häufigsten besuchte; man sah ein, dass sein Besuch nicht der Mutter gelten konnte, auch wenn er und sie stets diejenigen waren, die das Wort führten, es konnte nur der Tochter wegen sein. Man nannte sie Kala, sie hieß Karen Malena, diese zwei Namen waren in den einen Namen Kala zusammengezogen worden; wunderschön sei sie, aber ein wenig träge, sagten einige; sie schlafe gewiss morgens etwas lange.
„Daran ist sie von Kindheit an gewöhnt“, sagte die Mutter, „sie ist immer ein Venuskind gewesen, und die werden leicht müde. Sie liegt etwas lange, aber davon hat sie ihre klaren Augen!“
Welche Macht lag in diesen klaren Augen, diesen tiefblauen Fluten! Diesen stillen Gewässern mit dem tiefen Grund! So empfand es der junge Mann, er saß fest auf dem tiefen Grund. Er sprach und erzählte, und Mama frage stets gleich lebhaft, gleich ungeniert und flott, wie bei der ersten Begegnung. Es war eine Freude, Herrn Alfred erzählen zu hören; er erzählte von Neapel, von den Wanderungen auf den Vesuv und zeigte dabei bunte Bilder von mehreren Eruptionen. Und die Frau Obersteuereinnehmerin hatte früher nie davon gehört oder Zeit gehabt, sich die Sache zu überlegen.
„Gott bewahre!“ rief sie, „Das ist ja ein feuerspeiender Berg! Kann denn niemand dabei zu Schaden kommen?“ „Ganze Städte sind zugrunde gegangen“, antwortete er, „Pompeji, Herculaneum!“ „Aber die unglücklichen Menschen! Und das alles haben Sie selber gesehen?“ „Nein, von den Ausbrüchen, die hier auf den Bildern vorliegen, sah ich keinen; aber ich werde ihnen ein Bild von mir selber zeigen, die Eruption darstellend, die ich gesehen habe.“
Er legte eine Bleistiftskizze auf den Tisch, und Mama, die in den Anblick der stark kolorierten Bilder vertieft war, sah die blasse Beistiftskizze an und rief voller Überraschung: „Sie haben ihn weiß speien sehen!?“ Es wurde einen Augenblick schwarz in der Hochachtung des Herrn Alfred vor Mama, aber bald begriff er im Lichte Kalas, dass ihre Mutter keinen Farbensinn hatte, weiter war es nichts, sie hatte aber das Beste, das Schönste, sie hatte Kala.
Und Alfred verlobte sich mit Kala, das war ganz natürlich; und die Verlobung stand im Tageblatt des Städtchens. Mama ließ sich dreißig Exemplare davon holen und schnitt die Annoncen heraus und übersandte sie Freunden und Bekannten. Und die Verlobten waren glücklich und die Schwiegermama auch, sie war ja jetzt sozusagen mit Thorwaldsen verwandt.
„Sind Sie doch eine Fortsetzung von Thorwaldsen!“ sagte sie zu Alfred. Und es schien Alfred, als habe die Mama hier etwas Geistreiches gesagt. Kala sagte gar nichts, aber ihre Augen leuchteten, ihre Lippen lächelten, jede ihrer Bewegungen war schön, und wunderschön war sie, das kann nicht oft genug gesagt werden.
Alfred machte eine Büste von Kala und seiner Schwiegermama; sie saßen ihm und sahen zu, wie er mit dem Finger den weichen Ton glättete und gestaltete. „Das ist nur unsertwegen“, sagte die Schwiegermama, „dass Sie selber diese gewöhnliche Arbeit tun und nicht Ihren Diener das Zusammenkleben überlassen.“
„Es ist gerade notwendig, dass ich den Ton forme“, antwortete er. „Ja, Sie sind nun einmal stets so artig!“ sagte Mama, und Kala drückte schweigend seine Hand, an welcher noch der Ton saß.
Und er entwickelte beiden die Herrlichkeit der Natur in der Schöpfung, wies darauf hin, wie das Lebendige über dem Toten, die Pflanze über dem Mineral, das Tier über der Pflanze, der Mensch über dem Tier stehe; setzt ihnen auseinander, wie Geist und Schönheit sich durch die Form offenbarten und wie der Bildhauer der irdischen Gestalt des Herrlichsten ihre Erscheinung gebe. Kala stand schweigend und nickte dem ausgesprochenen Gedanken zu, Schwiegermama gestand: „Es ist schwer, dem zu folgen! Aber ich komme langsam nach mit den Gedanken, sie drehen sich dabei um und um, aber ich halte sie fest!“
Und die Schönheit hielt Alfred fest, sie erfüllte ihn, fasste und beherrschte ihn. Schönheit leuchtete aus der ganzen Gestalt Kalas, aus ihrem Blick, aus ihren Mundwinkeln, selbst aus der Bewegung ihrer Finger. Alfred sprach dies aus, und er verstand etwas davon, er sprach nur von ihr, dachte nur an sie, die zwei wurden eins, und so sprach auch sie viel, denn er sprach sehr viel.
Das war die Verlobung, und nun kam die Hochzeit mit Brautjungfern und Hochzeitsgeschenken, und diese wurden in der Hochzeitsrede erwähnt.
Schwiegermama hatte im Brauthause am Ende der Tafel Thorwaldsens Büste, angetan mit einem Schlafrock, aufgestellt, er sollte Gast ein, das war ihre Idee; Lieder wurden gesungen und Hochrufe wurden ausgebracht, es war eine vergnügliche Hochzeit, ein schönes Paar: „Pygmalion bekam seine Galathea“, hieß es in einem der Lieder. „Das ist so eine Mythologik!“ sagte Schwiegermama.
Tags darauf reiste das junge Paar nach Kopenhagen, um dort zu wohnen. Schwiegermama begleitete sie, um sich des Groben anzunehmen, wie sie sagte, das heißt des Hauswesens. Kala war die Puppe im Puppenhaus. Alles war neu, blank und schön! Dort saßen sie nun alle drei, und Alfred, ja, um eine Redensart zu gebrauchen, die bezeichnet, wie er saß, saß wie die Made im Speck!
Der Zauber der Form hatte ihn betört, er hatte auf das Futteral und nicht auf das gesehen, was im Futteral steckte, und das bedeutet Unglück, viel Unglück im Ehestand; geht das Futteral aus dem Leim und blättert das Flittergold ab, so bereut man den Handel. In einer großen Gesellschaft ist es höchst unangenehm, zu bemerken, dass man beide Knöpfe der Hosenträger eingebüßt hat, und noch obendrein zu wissen, dass man sich nicht auf seine Gürtelschnalle verlassen kann weil man keine Schalle hat; doch noch schlimmer ist es, in großer Gesellschaft zu hören, dass Frau und Schwiegermama dummes Zeug reden, und dann sich nicht auf sich selber verlassen zu können, dass man irgendeinen witzigen Einfall bekommt, der die Dummheit in den Wind schlägt.
Gar oft saß das junge Ehepaar Hand in Hand da, und er sprach, und sie ließ dann und wann ein Wort wie einen Tropfen fallen, dieselbe Melodie, dieselben zwei, drei Glockentöne. Es war eine Erfrischung für den Geist, wenn Sophie, eine der Freundinnen, dann zu Besuch kam.
Sophie war wenig hübsch; sie war freilich ohne Körperfehler, doch ein wenig schief sei sie allerdings, sagte Kala, aber in der Tat nicht mehr, als es eben von einer Freundin wahrgenommen werden konnte; sie war ein sehr vernünftiges Mädchen, es fiel ihr gar nicht ein, dass sie hier gefährlich werden könnte. Ihre Erscheinung war wie ein erfrischender Luftzug in dem Puppenhaus, und frischer Luft bedurfte man, das sahen sie alle ein; gelüftet werden musste, und so kamen sie denn an die Luft hinaus: Schwiegermama und das junge Ehepaar reisten nach Italien.
„Gottlob, dass wir wieder zu Hause sind in unseren vier Wänden!“ sagten Mutter und Tochter ein Jahr später, als sie mit Alfred zurückgekehrt waren. „Es ist kein Vergnügen, zu reisen“, sagte Schwiegermama; „eigentlich ist es langweilig! Ich bitte um Vergebung, dass ich es sage. Ich langweilte mich, obwohl ich meine Kinder bei mir hatte, und es ist teuer, sehr teuer, zu reisen! All die Galerien, die man ansehen muss! All das, wonach man laufen muss! Man muss es ja, weil man sich sonst schämt, wenn man zurückkommt und ausgefragt wird! Und dann muss man sich noch sagen lassen, dass das das Schönste sei, was man anzuschauen vergaß. Mich langweilten auf die Dauer diese ewigen Madonnen, man wird selber zur Madonna dabei!“
„Und was für ein Essen man bekommt!“ sagte Kala. „Ja, nicht eine echte Fleischbrühe!“ sagte Mama. „Das ist das reinste Elend mit der Kochkunst dort unten!“
Und Kala war von der Reise müde, fortwährend müde, das war das Schlimmste. Sophie wurde ins Haus genommen, und Nutzen brachte sie.
Das müsse man sagen, meinte Schwiegermama, dass Sophie sich aufs Hauswesen und Kunstwesen, kurz, auf alles verstehen, worauf sie sich ihren Mitteln entsprechend eigentlich nicht verstehen konnte, und sie sei dazu ein ehrenwertes, treues Mädchen; das habe sie so recht gezeigt, als Kala krank lag und dahinsiechte.
Wo das Futteral alles ist, da muss das Futteral aushalten, sonst ist es aus – und es war aus mit dem Futteral – Kala starb. „Sie war wunderschön!“ sagte die Mutter, „sie war wirklich etwas ganz anderes als die Antiken, die sind so ramponiert! Kala war ganz und eine Schönheit muss ganz sein.“
Alfred weinte, und die Mutter weinte, und beide trugen schwarze Kleider; Mama stand Schwarz besonders gut, und sie trug auch am längsten Trauer, und obendrein erlebte sie noch die Trauer, dass Alfred sich wieder verheiratete und zwar mit Sophie, „die gar kein Äußeres hatte“.
„Er ist bis zum Extrem gegangen!“ sagte Schwiegermama, „ist von dem Wunderschönsten ans Hässlichste geraten, hat seine erste Frau vergessen können. Die Männer haben keine Ausdauer! Mein Mann war anders! Er starb auch vor mir.“
„Pygmalion bekam seine Galathea!“ sagte Alfred; „ja, so hieß es im Hochzeitslied; ich hatte mich einst wirklich in die schöne Statue verliebt, die in meinen Armen zum Leben erwachte! Aber die verwandte Seele, die uns der Himmel sendet, einen Engel, der mit uns empfinden und mit uns denken, uns erheben kann, wo wir gebeugt werden, den habe ich erst jetzt gefunden und gewonnen. Du kamst, Sophie, nicht in Formschönheit, in Strahlenglanz – aber schöner als nötig! Die Hauptsache bleibt Hauptsache! Du kamst und lehrtest den Bildhauer, dass sein Werk nur Ton, Staub ist, nur eine Form in diesem vergänglichen Material, dessen inneren Kern wir suchen müssen. Arme Kala! Unser Erdenleben war wie ein Reiseleben! Dort oben, wo man sich in Sympathie vereinigt, sind wir einander vielleicht halb entfremdet!“
„Das war nicht liebevoll gesprochen!“ sagte Sophie, „nicht christlich! Droben, wo nicht geheiratet wird, sondern, wie du sagst, die Seelen einander anziehen durch Sympathie, dort, wo alles Herrliche sich entfaltet und erhebt, wird ihre Seele vielleicht so vollkräftig klingen, dass sie die meinige übertönt, und du – du wirst dann wieder deinen ersten Liebenausruf tun, wieder ausrufen: Schön! Wunderschön!“

 

Über diese Märchen

Dieses Märchen wurde 1859 zum ersten mal in dem Buch namens ”Nye Eventyr og Historier. Første Række. Fjerde Samling. 1860” veröffentlicht.

Wie’s der Alte macht, ist’s immer richtig

Original-Übersetzung

 

Eine Geschichte werde ich dir erzählen, die ich hörte, als ich noch ein kleiner Knabe war. Jedes Mal, wenn ich an die Geschichte dachte, kam es mir vor, als würde sie immer schöner; denn es geht mit Geschichten wie mit vielen Menschen, sie werden mit zunehmendem Alter schöner.
Auf dem Lande warst du doch gewiss schon einmal; du wirst wohl auch so ein recht altes Bauernhaus mit Strohdach gesehen haben. Moos und Kräuter wachsen von selber auf dem Dach; ein Storchennest befindet sich auf dem First desselben, der Storch ist unvermeidlich! Die Wände des Hauses sind schief, die Fenster niedrig, und nur ein einziges Fenster ist so eingerichtet, dass es geöffnet werden kann; der Backofen springt aus der Wand hervor, gerade wie ein kleiner dicker Bauch; der Fliederbaum hängt über den Zaun, und unter seinen Zweigen ist ein Wassertümpel, in dem eine oder mehrere Enten liegen. Ein Kettenhund, der alle und jeden anbellt, ist auch da.
Gerade so ein Bauernhaus stand draußen auf dem Lande, und in diesem Hause wohnten zwei alte Leute, ein Bauer und eine Bäuerin. Wie wenig sie hatten, ein Stück war darunter, das nicht entbehrlich war – ein Pferd, das sich von dem Gras nährte, das es an den Einzäunungen der Landstraße fand. Der alte Bauer ritt zur Stadt auf diesem Pferd, oft liehen es sich auch seine Nachbarn aus und erwiesen den alten Leuten manch andern Dienst dafür. Aber am geeignetsten war es doch wohl, wenn sie das Pferd verkauften oder es gegen irgend etwas anderes, was ihnen mehr nützen könnte, weggaben.
Aber was konnte dies wohl sein?
„Das wirst du, Alter, am besten wissen!“ sagte die Frau zu ihm. „Heute ist gerade Jahrmarkt, reite in die Stadt, gib das Pferd für Geld hin oder mache einen guten Tausch; wie du es auch machst, mir ist’s immer recht. Reite zum Jahrmarkt!“
Und sie knüpfte ihm sein Halstuch um, denn das konnte sie besser als er, sie knüpfte es ihm mit einer Doppelschleife um: das macht sich sehr hübsch! Sie strich seinen Hut glatt mit ihrer flachen Hand und küsste ihn dann auf seinen warmen Mund. Dann ritt er fort auf dem Pferd, welches verkauft oder eingetauscht werden sollte. Ja, der Alte verstand dies schon!
Die Sonne brannte heiß, keine Wolke war am Himmel zu sehen. Auf dem Weg staubte es sehr, die vielen Leute, die den Jahrmarkt besuchen wollten, fuhren, ritten oder legten den Weg zu Fuß zurück. Nirgends gab es Schatten gegen den Brand der Sonne.
Unter anderen kam auch einer des Weges, der eine Kuh zum Markt trieb. Die Kuh war so schön, wie eine Kuh nur sein kann. „Die gibt gewiss auch schöne Milch!“ dachte der Bauer, „Das wäre ein ganz guter Tausch: die Kuh für das Pferd!“
„Heda, du da, mit der Kuh!“ sagte er, „weißt du was, ein Pferd, sollte ich meinen, kostet mehr als eine Kuh, aber mir ist das gleichgültig, ich habe mehr Nutzen von der Kuh; hast du Lust, so tauschen wir!“
„Freilich will ich das“, sagte der Mann mit der Kuh, und nun tauschten sie. Das war also abgemacht, und der Bauer hätte nun füglich wieder umkehren können, denn er hatte ja das abgemacht, um was es ihm zu tun war; allein da er nun einmal den Jahrmarkt im Kopf hatte, so wollte er auch hin, bloß um ihn sich anzusehen, und deshalb ging er mit seiner Kuh auf die Stadt zu.
Die Kuh führend, schritt er mit ihr rasch aus, und nach kurzer Zeit waren sie einem Mann zur Seite, der ein Schaf trieb. Es war ein gutes Schaf, fett und mit guter Wolle.
„Das möchte ich haben“, dachte unser Bauersmann, „es würde an unserem Zaun genug Gras finden, und über den Winter könnten wir es in der Stube halten. Eigentlich wäre es angemessenen, ein Schaf statt einer Kuh zu besitzen.“
„Wollen wir tauschen?“
Dazu war der Mann mit dem Schaf sogleich bereit, und der Tausch fand statt. Unser Bauer ging nun mit seinem Schaf auf der Landstraße weiter.
Bald gewahrte er abermals einen Mann, der vom Feld her die Landstraße betrat und eine große Gans unter dem Arm trug.
„Das ist ein schweres Ding, das du da hast; es hat Federn und Fett, dass es eine Lust ist; die würde sich erst gut ausnehmen, wenn sie bei uns daheim an einer Leine am Wasser ginge. Das wäre etwas für meine Alte, für die könnte sie allerlei Abfall sammeln. Wie oft hat sie nicht gesagt: „Wenn wir nur eine Gans hätten. „Jetzt kann sie vielleicht eine kriegen, und geht es, so soll sie sie haben! – Wollen wir tauschen? Ich gebe dir das Schaf für die Gans und schönen Dank dazu.“
Dagegen hatte der andere nichts einzuwenden, und so tauschten sie denn. Unser Bauer bekam die Gans.
Jetzt befand er sich schon ganz nahe der Stadt; das Gedränge auf der Landstraße nahm immer mehr zu; Menschen und Vieh drängten sich; sie gingen auf der Straße und längs der Zäune, ja, am Schlagbaum gingen sie sogar in des Einnehmers Kartoffelfeld hinein, wo dessen einziges Huhn an einer Schnur einherspazierte, damit es über das Gedränge nicht erschrecken, sich verirren oder verlaufen sollte. Das Huhn hatte kurze Schwanzfedern, es blinzelte mit einem Auge und sah sehr klug aus. „Kluck; Kluck!“ sagte das Huhn. Was es sich dabei dachte, weiß ich nicht zu sagen, aber unser Bauersmann dachte sogleich, als er es zu Gesicht bekam: das ist das schönste Huhn, das ich je gesehen habe, es ist sogar schöner als des Pfarrers Bruthenne. Potztausend! Das Huhn möchte ich haben! Ein Huhn findet immer ein Körnchen, es kann sich fast selber ernähren, ich glaube, es wäre ein guter Tausch, wenn ich es für die Gans kriegen könnte. – „Wollen wir tauschen?“ fragte er den Einnehmer. „Tauschen?“ fragte dieser, „ja, das wäre nicht übel!“ Und so tauschten sie. Der Einnehmer am Schlagbaum bekam die Gans, der Bauer das Huhn.
Es war gar viel, was er auf der Reise zur Stadt erledigt hatte; heiß war es auch, und er war müde. Ein Schnaps und ein Imbiss taten ihm Not; bald befand er sich am Wirtshaus. Er wollte gerade hineingehen, als der Hausknecht heraustrat und sie sich daher in der Tür begegneten. Der Knecht trug einen Sack.
„Was hast du denn in dem Sack?“ fragte der Bauer.
„Verschrumpelte Äpfel!“ antwortete der Knecht, „einen ganzen Sack voll, genug für die Schweine.“
„Das ist doch eine zu große Verschwendung. Den Anblick gönnte ich meiner Alten daheim. Voriges Jahr trug der alte Baum am Torfstall nur einen einzigen Apfel; der wurde aufgehoben und lag auf dem Schrank, bis er ganz verdarb und zerfiel. „Das ist doch immerhin Wohlstand“, sagte meine Alte; hier könnte sie aber erst Wohlstand sehen, einen ganzen Sack voll! Ja, den Anblick würde ich ihr gönnen!“
„Was gebt Ihr für den Sack voll?“ fragte der Knecht.
„Was ich gebe? Ich gebe mein Huhn in Tausch“, und er gab das Huhn in Tausch, bekam die Äpfel und trat mit diesen in die Gasstube ein. Den Sack lehnte er behutsam an den Ofen, er selber trat an den Schanktisch. Aber im Ofen war eingeheizt, das bedachte er nicht. Es waren viele Gäste anwesend; Pferdehändler, Ochsentreiber und zwei Engländer, und die Engländer waren so reich, dass ihre Taschen von Goldstücken strotzten und fast platzten, und wetten tun sie, das sollst du erfahren.
„Susss! Susss!“ Was war denn das am Ofen? – Die Äpfel begannen zu braten.
„Was ist denn das?“
„Ja, wissen sie“, sagte unser Bauersmann; – und nun erzählte er die ganze Geschichte von dem Pferd, das er gegen eine Kuh vertauscht und so weiter herunter bis zu den Äpfeln.
„Na, da wird dich deine Alte derb knuffen, wenn du nach Hause kommst, da setzt es was!“ sagten die Engländer.
„Was? Knuffen?“ sagte der Alte, „küssen wird sie mich und sagen: wie’s der Alte macht, ist’s immer richtig.“
„Wollen wir wetten?“ sagten die Engländer, „gemünztes Gold tonnenweise! Hundert Pfund machen ein Schiffspfund!“
„Ein Scheffel genügt schon“, entgegnete der Bauer, „ich kann nur den Scheffel mit Äpfeln dagegen setzen und mich selber und meine alte Frau dazu, das dächte ich, wäre doch auch ein gehäuftes Maß!“
„Topp! Angenommen!“ und die Wette war gemacht.
Der Wagen des Wirts fuhr vor, die Engländer stiegen ein, und der Bauersmann stieg ein; vorwärts ging es, und bald hielten sie vor dem Häuschen des Bauern an.
„Guten Abend, Alte!“
„Guten Abend, Alter!“
„Der Tausch wäre gemacht!“
„Ja, du verstehst schon deine Sache!“ sagte die Frau, umarmte ihn und beachtete weder den Sack noch die fremden Gäste.
„Ich habe eine Kuh für das Pferd eingetauscht.“
„Gott sei Lob! Die schöne Milch, die wir nun haben werden, und Butter und Käse auf dem Tisch! Das war ein herrlicher Tausch!“
„Ja, aber die Kuh tauschte ich wieder gegen ein Schaf ein.“
„Ach, das ist um so besser!“ erwiderte die Frau, „du denkst immer an alles; für ein Schaf haben wir gerade Grasweide genug; Schafsmilch, Schafskäse, wollene Strümpfe und wollene Jacken! Das gibt uns die Kuh nicht, sie verliert ja die Haare! Wie du doch alles bedenkst!“
„Aber das Schaf habe ich wieder gegen eine Gans eingetauscht!“
„Also dieses Jahr werden wir wirklich Gänsebraten haben, mein lieber Alter! Du denkst immer daran, mir eine Freude zu machen. Wie herrlich ist das! Die Gans kann man an einen Strick anbinden und sie noch fetter werden lassen, bevor wir sie braten!“
„Aber die Gans habe ich gegen ein Huhn eingetauscht!“ sagte der Mann.
„Ein Huhn! Das war ein guter Tausch!“ entgegnete die Frau. „Das Huhn legt Eier, die brütet es aus, wir kriegen Küchlein, wir kriegen nun einen ganzen Hühnerhof! Ei, den habe ich mir gerade erst recht gewünscht!“
„Ja! Aber das Huhn gab ich wieder für einen Sack voll verschrumpelter Äpfel hin!“
„Was? Nein, jetzt muss ich dich erst recht küssen!“ versetzte die Frau. „Mein liebes, gutes Männchen! Ich werde dir etwas erzählen. Siehst du, als du kaum fort warst heute morgen, dachte ich darüber nach, wie ich dir heute Abend einen recht guten Bissen machen könnte. Speckeierkuchen mit Schnittlauch, dachte ich dann. Die Eier hatte ich, den Speck auch, der Schnittlauch fehlte mir nur. So ging ich denn hinüber zu Schulmeisters, die haben Schnittlauch, das weiß ich, aber die Schulmeistersfrau ist geizig, so süß sie auch tut. Ich bat sie, mir eine Handvoll Schnittlauch zu leihen. „Leihen?“ gab sie zur Antwort. „Nichts, gar nichts wächst in unserm Garten, nicht einmal ein verschrumpelter Apfel; nicht einmal einen solchen kann ich dir leihen, liebe Frau!“ Jetzt kann ich ihr aber zehn, ja, einen ganzen Sack voll leihen. Das freut mich zu sehr, das ist zum Totlachen!“ Und dabei küsste sie ihn, dass es schmatzte.
„Das gefällt uns!“ riefen die Engländer wie aus einem Mund. „Immer bergab und immer lustig. Das ist schon das Geld wert!“
Und nun zahlten sie ein Schiffspfund Goldmünzen an den Bauersmann, der nicht geknufft, sondern geküsst wurde.
Ja, das lohnt sich immer, wenn die Frau einsieht und auch immer sagt, dass der Mann der Klügste und sein Tun das Richtige ist.
Seht, das ist meine Geschichte. Ich habe sie schon als Kind gehört, und jetzt hast du sie auch gehört und weißt, „wie’s der Alte macht, ist’s immer richtig!“

 

Über diese Märchen

Dieses Märchen wurde 1861 zum ersten mal in dem Buch namens ”Nye Eventyr og Historier. Anden Række. Første Samling. 1861” veröffentlicht.

Wer war die Glücklichste?

Original-Übersetzung

 

„Welch schöne Rosen!“ sagte der Sonnenschein. „Und jede Knospe wird sich entfalten und ebenso schön werden. Das sind meine Kinder! Meine Küsse haben sie belebt.“
„Meine Kinder sind es“, sagte der Tau; „ich habe sie mit meinen Tränen gesäugt.“
„Ich sollte doch meinen, dass ich ihre Mutter sei“, sagte die Rosenhecke; „ihr andern seid nur Gevattern, die nach Vermögen und gutem Willen ein Patengeschenk gaben.“
„Meine lieblichen Rosenkinder!“ sagten sie alle drei und wünschten jeder Blume das schönste Glück; aber eine nur konnte die Glücklichste, eine musste die am wenigsten Glückliche werden – aber welche von ihnen!
„Das will ich schon zu wissen bekommen“, sagte der Wind; „ich jage weit umher, dränge mich in die engste Ritze und weiß außen und innen Bescheid.“
Jede der aufgeblühten Rosen hörte, was gesagt wurde, jede schwellende Knospe vernahm es.
Da kam eine tiefbetrübte liebevolle, in Trauerkleider gehüllte Mutter in den Garten; sie pflückte eine von den Rosen, die halb erblüht, frisch und voll war und welche ihr die schönste von allen zu sein schien. Sie trug die Blume in die stille, schweigsame Kammer, wo vor wenigen Tagen noch die junge, lebensfrohe Tochter sich bewegte, welche jetzt, einem schlafenden Marmorbilde gleich, in dem schwarzen Sarge lag. Die Mutter küsste die Tote, küsste darauf die halberblühte Rose und legte diese auf die Brust des jungen Mädchens, als ob sie durch ihre Frische und den Kuss der Mutter ihr Herz wieder schlagen machen könnte.
Die Rose schien zu schwellen; jedes Blatt bebte in freudigen Gedanken. „Welch ein Weg der Liebe ist mir vergönnt! Ich werde wie ein Menschenkind, ich bekomme einen Mutterkuss, ich empfange ein Segenswort, und ich gehe mit in das unbekannte Reich, träumend an der Brust der Toten! Gewiss, ich wurde die Glücklichste von allen meinen Schwestern!“
In den Garten, in welchem der Rosenbusch stand, ging auch die alte Gärtnerin. Auch sie betrachtete die Herrlichkeit des Rosenstrauches, und ihr Auge haftete auf der größten voll erblühten Rose. Ein Tautropfen und ein warmer Tag – und die Blätter würden fallen. Das sah die Frau und fand, dass die Rose, welche den Gipfel ihrer Schönheit erreicht habe, auch Nutzen bringen müsse. Sie pflückte sie also und legte sie zwischen ein Zeitungsblatt, um sie mit nach Hause zu andern entblätterten Rosen zu nehmen, um Potpourri davon zu machen, in Gesellschaft mit den kleinen blauen Burschen, die man Lavendel nennt, und sie mit Salz einzubalsamieren. Balsamiert, das werden nur Rosen und Könige.
„Ich werde am höchsten geehrt!“ sagte die Rose, als die Gärtnerin sie pflückte. „Ich werde die Glücklichste! Ich werde balsamiert werden.“
Zwei junge Männer traten in den Garten, der eine war ein Maler, der andere ein Dichter. Jeder pflückte eine Rose, schön anzusehen.
Und der Maler gab der Leinwand ein Bild der blühenden Rose, so treu, dass diese sich im Spiegel zu sehen glaubte.
„So“, sagte der Maler, „soll sie viele Menschalter leben, während Millionen und abermals Millionen Rosen welken und sterben.“
„Ich bin die Begünstigste“, sagte die Rose; „ich gewann des größte Glück!“
Der Dichter betrachtete seine Rose, schrieb ein Gedicht von ihr, eine ganze Mysterie, alles, was er von jedem einzelnen Blatt der Rose las: „Das Bilderbuch der Liebe“; es war eine unsterbliche Dichtung.
„Mit ihr bin ich unsterblich“, sagte die Rose. „Ich bin die Glücklichste!“
Unter all der Pracht von Rosen war noch eine, welche fast vor den andern verborgen saß. Zufällig – zum Glück vielleicht – hatte sie ein Gebrechen; sie saß schief auf dem Stängel, und die Blätter der einen Seite entsprachen denen der andern nicht, ja, mitten aus der Blume heraus wuchs sogar ein kleines, verkrüppeltes grünes Blatt. Das kommt wohl zuweilen bei Rosen vor.
„Armes Kind“, sagte der Wind und küsste ihre Wange. Die Rose glaubte, das sei ein Gruß, ein Liebesgruß; sie hatte ein Bewusstsein davon, dass sie etwas anders geschaffen sei als die andern Rosen und dass ein grünes Blatt mitten aus ihrem Innern herauswachse, und sie betrachtete das als eine Auszeichnung. Ein Schmetterling flatterte auf ihre Blätter herab und küsste sie: das war ein Freier; sie ließ ihn wieder fliegen. Dann kam ein gewaltig großer Grashüpfer; der setzte sich richtig genug auf eine andere Rose und rieb verliebt sein Schienbein (das ist bei den Grashüpfern ein Liebeszeichen); die Rose, auf welcher er saß, verstand es nicht, aber die Rose mit dem auszeichnenden grünen Blatte in ihrer Mitte verstand es, denn der Grashüpfer betrachtete sie mit Augen, welche sagten: „Ich könnte dich vor Liebe fressen!“ Und weiter kann die Liebe doch nicht gehen: einer geht in dem andern auf! Aber die Rose wollte nicht in dem Springinsfeld aufgehen.
Die Nachtigall sang in der sternenklaren Nacht. „Die singt für mich allein!“ sagte die Rose mit dem Gebrechen oder der Auszeichnung. Weshalb soll ich vor allen meinen Schwestern so ausgezeichnet werden, weshalb ward mir diese Auszeichnung, welche mich zu der Glücklichsten macht?“
Da kamen zwei Herren, welche eine Zigarre rauchten, die sprachen von Rosen und von Tabak. Rosen sollen den Tabaksrauch nicht vertragen können, sie sollen die Farbe verändern und grün werden. Die Herren wollten das versuchen. Sie mochten keine von den prächtigsten Rosen nehmen, sie nahmen die Rose, welche das Gebrechen hatte.
„Welche neue Auszeichnung!“ rief diese. „Ich bin über alle Maßen glücklich, die Allerglücklichste!“ Und sie ward grün in Bewusstsein und Tabaksrauch.
Eine Rose, halb noch Knospe, die Schönste vielleicht am ganzen Rosenbusche, erhielt den Ehrenplatz in des Gärtners kunstvoll gebundenem Bouquet, welches dem jungen gebietenden Herrn des Hauses gebracht wurde und mit ihm im Wagen fuhr. Sie saß als schönste Blume inmitten andrer Blumen und schönem Grün, sie kam zu einem glänzenden Feste, da saßen Männer und Frauen so prächtig beleuchtet von Tausenden von Lampen, die Musik erklang, es war im Lichtmeere des Theaters; und als unter stürmischem Jubel die gefeierte junge Tänzerin hervor auf die Bühne schwebe, flog Bouquet auf Bouquet wie ein Blumenregen zu ihren Füßen nieder. Da fiel das Bouquet, in welchem die schöne Rose, gleich einem Edelsteine, saß, sie fühlte ganz ihr namenloses Glück, die Ehre, den Glanz, in welchem sie hineinschwebte, und indem sie den Boden berührte, tanzte sie mit, sie sprang, fuhr über die Bretter hin und brach im Fallen von ihrem Stängel. Sie kam nicht in die Hände der Huldin, sie rollte hinter die Kulissen, ein Maschinist nahm sie auf, sah, wie schön sie war, wie lieblich sie duftete, aber sie hatte keinen Stängel. Er steckte sie in seine Tasche, und als er abends nach Hause kam, erhielt sie einen Platz in einem Schnapsglase und lag in demselben die ganze Nacht im Wasser. Frühmorgens wurde sie vor Großmutter hingestellt, welche alt und kraftlos im Lehnstuhle saß, sie betrachtete die geknickte schöne Rose und freute sich über sie und ihren Duft.
„Ja, du kommst nicht auf den Tisch des reichen feinen Fräuleins, sondern zu der armen alten Frau; aber hier bist du wie ein ganzer Rosenstrauch, wie schön bist du!“
Und mit kindlicher Freude blickte sie auf die Blume und gedachte wohl auch ihrer eigenen längst entschwundenen frischen Jugendzeit.
„Da war ein Loch in der Fensterscheibe“, sagte der Wind, „ich konnte leicht hineinkommen und sah die jugendlich strahlenden Augen der alten Frau und die geknickte schöne Rose in dem Schnapsglase. Die Glücklichste von allen! Ich weiß das! Ich kann das erzählen!“
Jede Rose von dem Rosenstrauche des Gartens hatte ihre Geschichte. Jede Rose glaubte und dachte, die Glücklichste zu sein, und der Glaube macht selig. Aber die letzte Rose an dem Strauche war doch die Allerglücklichste, wie sie meinte.
„Ich überlebte sie alle! Ich bin die Letzte, die Einzige, Mutters liebstes Kind!“
„Und ich bin ihre Mutter“, sage die Rosenhecke.
„Das bin ich“, sagte der Sonnenschein.
„Und ich“, sagten Wind und Wetter.
„Jeder hat teil an ihr!“ sagte der Wind. „Und jeder soll einen Teil von ihr haben“; und damit streute der Wind ihre Blätter hin über die Hecke, auf welcher die Tautropfen lagen und auf welche die Sonne schien. – „Auch ich bekam mein Teil“, sagte der Wind, „ich bekam die Gesichte aller Rosen, die ich nun der ganzen Welt erzählen will. Sage mir nun, welche war die Glücklichste von allen? Ja, das musst du sagen, ich habe genug gesagt!“

 

Über diese Märchen

Dieses Märchen wurde 1868 veröffentlicht.

Was die ganze Familie sagte

Original-Übersetzung

 

Was sagte die ganze Familie? Ja, höre nun erst, was die kleine Marie sagte. Es war der Geburtstag der kleinen Marie, der schönste von allen Tagen, fand sie. Alle kleinen Freunde und Freundinnen kamen, um mit ihr zu spielen, und ihr feinstes Kleid hatte sie an; das hatte sie von der Großmutter bekommen, die bei dem lieben Gott war; aber die Großmutter hatte es noch selber zugeschnitten und genäht, ehe sie zu dem hellen, schönen Himmel aufflog. Der Tisch in Mariens Stube strahlte von Geschenken; da war die reizendste kleine Küche mit allem, was zu einer Küche gehört, und eine Puppe, die die Augen verdrehen und „Au!“ sagen konnte, wenn man sie auf den Magen drückte. Ja, da war auch ein Bilderbuch, in dem die schönsten Geschichten zu lesen waren, wenn man lesen konnte! Aber schöner als alle Geschichten war es doch, viele Geburtstage zu erleben.
„Ja, es ist schön, zu leben!“ sagte die kleine Marie. Der Pate fügte hinzu, dass das das schönste Märchen sei.
Die Stube nebenan gehörte den beiden Brüdern; es waren große Knaben; der eine war neun, der andere elf Jahre alt. Sie fanden auch, dass es herrlich war, zu leben, auf ihre Weise zu leben, kein Kinde mehr zu sein wie Marie, sondern flotte Schuljungen, mit einer Eins im Zeugnisbuch, sich mit den Kameraden in aller Freundschaft zu prügeln, im Winter Schlittschuh zu laufen und im Sommer zu radeln, von Ritterburgen, Zugbrücken und Burgverliesen zu lesen, von Entdeckungen im Innern Afrikas zu hören. Dabei hatte freilich der eine von den Knaben einen Kummer, nämlich, dass alles entdeckt werden könnte, ehe er groß war; dann wollte er auf Abenteuer ausziehen. Das Leben ist das schönste Märchen, hatte ja der Pate gesagt, und in diesem Märchen spielte man selber eine Rolle.
Im Erdgeschoss lebten und tummelten sich diese Kinder; über ihnen wohnte ein anderer Zweig der Familie, auch mit Kindern; aber diese hatten die Kinderschuhe bereits vertreten, so groß waren sie. Der eine Sohn war siebzehn, der andere zwanzig, aber der dritte war schon sehr alt, wie die kleine Marie sagte; er war fünfundzwanzig Jahre und verlobt. Sie waren alle glücklich gestellt, hatten gute Eltern, gute Kleider, gute Geistesgaben, und sie wussten, was sie wollten: „Vorwärts! Weg mit all den alten Bretterzäunen! Aussicht in die ganze Welt hinaus! Das ist das Schönste, was wir kennen. Der Pate hat recht; das Leben ist das schönste Märchen!“
Vater und Mutter, beides ältere Leute – natürlich mussten sie älter sein als die Kinder -, sagten mit Lächeln um den Mund, mit Lächeln im Auge und im Herzen: „Wie jung sie sind, die jungen Leute! Es geht nicht ganz so zu in der Welt, wie sie glauben; aber es geht. Das Leben ist ein wunderbares, schönes Märchen!“
Oben über ihnen, dem Himmel ein wenig näher, wie man zu sagen pflegt, wenn Leute in der Mansarde wohnen, da wohnte der Pate. Alt war er und doch so jung von Gemüt, immer guter Laune, und dann konnte er Geschichten erzählen, viele und lange. Weit in der Welt herum war er gewesen, und aus allen Ländern standen da die reizendsten Sachen in seinem Zimmer. Da waren Bilder von der Decke bis zum Fußboden, und mehrere Fensterscheiben waren aus rotem und gelbem Glas; wenn man da hindurchsah, dann lag die ganze Welt in Sonnenschein da, wenn draußen auch noch so graues Wetter war. In einem großen Glaskasten wuchsen grüne Pflanzen, und in einer Abteilung darin schwammen Goldfische; sie sahen einen so an, als wüssten sie so vieles, worüber sie nicht sprechen wollten. Immer duftete es hier nach Blumen, selbst zur Winterzeit, und dann brannte hier ein großes Feuer im Kamin; es war so amüsant, davor zu sitzen, hineinzusehen und zu hören, wie es knitterte und knatterte. „Es liest mir alte Erinnerungen vor!“ sagte der Pate, und auch der kleinen Marie wollte es scheinen, als zeige ihr das Feuer viele Bilder.
Aber in dem großen Bücherschrank dicht daneben standen die wirklichen Bücher; in einem derselben las der Pate gar oft, und das nannte er das Buch der Bücher; das war die Bibel. Da stand in Bildern die Geschichte der Welt und aller Menschen, die Schöpfung, die Sündflut, die Geschichte der Könige und des Königs der Könige.
„Alles, was geschehen ist und geschehen wird, steht in diesem Buch!“ sagte der Pate. „So unendlich viel in einem einzigen Buch! Denke einmal darüber nach! Ja, alles, um was ein Mensch zu bitten hat, ist in den wenigen Worten des Gebets „Vater unser!“ gesagt; das ist ein Gnadentropfen! Es ist eine Perle des Trostes von Gott. Die wird dem Kind als Geschenk in die Wiege gelegt, die wird ihm ans Herz gelegt. Kindchen, bewahre sie wohl. Verliere sie niemals, wie groß du auch wirst, dann bist du nicht verlassen auf den wechselnden Wegen! Wenn die Worte des Vaterunsers in dich hineinleuchten, bist du nicht verloren!“
Des Paten Augen leuchteten, wenn er so sprach, sie strahlten vor Freude. Einstmals in den jungen Jahren hatten sie geweint. „Und das war auch gut“, sagte er, „Es war die Zeit der Prüfung, da sah es trübe aus. Jetzt habe ich Sonnenschein um mich und in mir. Je älter man wird, desto deutlicher sieht man in Glück und Unglück, dass der liebe Gott immer seine Hand über uns hält, dass das Leben das schönste Märchen ist, und das kann nur Er uns schenken, und seine Güte währet in alle Ewigkeit!“
„Es ist schön, zu leben!“ sagte die kleine Marie.
Das sagten auch die kleinen und die großen Knaben; Vater und Mutter und die ganze Familie sagten das, vor allem aber der Pate, und der hatte Erfahrung, er war der älteste von ihnen allen, er kannte alle Geschichten, alle Märchen, und er sagte, und zwar so recht aus dem Herzen heraus: „Das Leben ist das schönste Märchen!“

 

Über diese Märchen

Dieses Märchen wurde 1870 veröffentlicht.

Was die Distel erlebte

Original-Übersetzung

 

Zu dem reichen Herrensitz gehörte ein schöner, gutgehaltener Garten mit seltenen Bäumen und Blumen; die Gäste auf dem Schloss äußerten ihr Entzücken darüber, die Bewohner der Umgegend, vom Lande wie aus den Städten, kamen an Sonn- und Feiertagen und baten um Erlaubnis, den Garten zu sehen, ja, ganze Schulen fanden sich zu ähnlichen Besuchen ein.
Vor dem Garten, an dem Gitter nach dem Feldwege hinaus, stand eine mächtige Distel; sie war so groß, von der Wurzel aus in mehrere Zweige geteilt, dass man sie wohl einen Distelbusch nennen konnte. Niemand sah sie an außer dem alten Esel, der den Milchwagen des Milchmädchens zog. Er machte einen langen Hals nach der Distel und sagte: „Du bist schön! Ich könnte dich auffressen!“ Aber die Leine, an der der Esel angepflockt stand, war nicht lang genug, als dass er sie hätte fressen können.
Es war große Gesellschaft im Schloss, hochadelige Verwandte aus der Hauptstadt, junge, niedliche Mädchen und unter ihnen ein Fräulein von weit her; sie kam aus Schottland, war von vornehmer Geburt, reich an Geld und Gut, eine Braut, deren Besitz sich schon verlohne, sagte mehr als ein junger Herr, und die Mütter sagten es auch.
Die Jugend tummelte sich auf dem Rasen und spielte Krocket; sie gingen zwischen den Blumen umher, und ein jedes der jungen Mädchen pflückte eine Blume und steckte sie einem der jungen Herren ins Knopfloch; aber die junge Schottin sah sich lange um, verwarf eine Blume nach der andern; keine schien nach ihrem Geschmack zu sein; da sah sie über das Gitter hinüber, da draußen stand der große Distelbusch mit seinen rotblauen, kräftigen Blüten, sie sah sie, sie lächelte und bat den Sohn des Hauses, ihr eine zu pflücken.
„Das ist Schottlands Blume!“ sagte sie. „Sie prangt in dem Wappen des Landes, geben Sie mir die!“
Und er holte die schönste, und sie stach ihn in die Finger, als wachse der stärkste Rosendorn daran.
Die Distelblüte steckte sie dem jungen Mann ins Knopfloch, und er fühlte sich hochgeehrt. Alle die andern jungen Herren hätten gern ihre Prachtblume hergegeben, um diese tragen zu können, die von den feinen Händen der jungen Schottin gespendet war. Und wenn sich der Sohn des Hauses geehrt fühlte, wie mochte sich da die Distel vorkommen! Es war, als durchströmten sie Tau und Sonnenschein.
„Ich bin mehr, als ich glaube!“ sagte sie im stillen. „Ich gehöre wohl eigentlich hinter das Gitter und nicht draußen auf das Feld. Man wird hier in der Welt wunderlich gestellt! Aber nun ist doch eine von den Meinen über das Gitter gekommen und sitzt obendrein im Knopfloch!“
Jeder Knospe, die kam und sich entfaltete, erzählte sie diese Begebenheit, und es waren noch nicht viele Tage vergangen, da hörte der Distelbusch, nicht von Menschen, nicht aus dem Vogelgezwitscher, sondern aus der Luft selber, die Laute auffängt und weiterträgt, aus den innersten Gängen des Gartens und aus den Zimmern des Schlosses, wo Türen und Fenster offen stehen, dass der junge Herr, der die Distelblüte aus der Hand der feinen jungen Schottin erhielt, nun auch die Hand und das Herz bekommen habe. Es sei ein schönes Paar, eine gute Partie.
„Die habe ich zusammengebracht!“ meinte der Distelbusch und dachte an die Blüte, die er für das Knopfloch hergegeben hatte. Jede Blüte, die aufbrach, bekam das Ereignis zu hören.
„Ich werde gewiss in den Garten gepflanzt“, dachte die Distel, „Vielleicht in einen Topf gestellt, der klemmt, das soll ja das allerehrenvollste sein!“
Und der Distelbusch dachte so lebhaft daran, dass er mit voller Überzeugung sagte: „Ich komme in einen Topf!“
Er versprach jeder kleinen Distelblüte, die aufsprosste, dass sie auch in den Topf kommen solle, vielleicht gar ins Knopfloch. Das war das Höchste, was erreicht werden konnte; aber keine kam in den Topf, geschweige denn ins Knopfloch; sie tranken Luft und Licht, sie schleckten Sonnenschein am Tage und Tau in der Nacht, blühten, bekamen Besuch von Bienen und Bremsen, die nach Mitgift suchten, nach dem Honig in der Blüte, und den Honig nahmen sie, die Blume ließen sie stehen. „Das Räubergesindel!“ sagte der Distelbusch. „Könnte ich sie doch auffressen! Aber das kann ich nicht!“
Die Blüten ließen den Kopf hängen, welkten hin, aber es kamen neue. „Ihr kommt wie gerufen!“ sagte der Distelbusch. „Jede Minute erwarte ich, dass man uns hinter das Gitter verpflanzt!“
Ein paar unschuldige Gänseblümchen und Wegerichpflanzen standen da und hörten mit Bewunderung zu und glaubten alles, was der Distelbusch sagte.
Der alte Esel vom Milchwagen schielte vom Wegesrande zu dem Distelbusch hinüber, aber die Leine war zu kurz, er konnte ihn nicht erreichen.
Und die Distel dachte so lange an die Distel Schottlands, zu deren Familie sie sich zählte, dass sie schließlich glaubte, sie sei aus Schottland gekommen und ihre Eltern wären selber im Wappen Schottlands erblüht. Das war ein großer Gedanke, aber eine große Distel kann wohl einen großen Gedanken haben.
„Man ist oft von so vornehmer Familie, dass man es gar nicht zu wissen wagt!“ sagte die Nessel, die dicht daneben wuchs; sie hatte auch eine Ahnung davon, dass sie zu „Nesseltuch“ werden könne, wenn sie nur richtig behandelt würde.
Und der Sommer verging, und der Herbst verging; die Blätter fielen von den Bäumen, die Blumen bekamen stärkere Farben und weniger Duft. Die jungen Tannenbäume im Walde fingen an, Weihnachtssehnsucht zu bekommen, aber es war noch lange bis Weihnachten.
Hier stehe ich noch!“ sage die Diestel. „Es ist, als wenn niemand an mich dächte, und ich habe doch die Partie gemacht; verlobt haben sie sich, und Hochzeit haben sie gefeiert, es ist jetzt acht Tage her. Ja, ich, ich tue keinen Schritt, denn ich kann es nicht!“
Es vergingen noch einige Wochen; die Distel stand mit ihrer letzten, einzigen Blüte, groß und voll, ganz nahe an der Wurzel war sie empor gesprosst. Der Wind wehte kalt darüber hin, die Farben vergingen, die Pracht verging, der Kelch stand wie eine versilberte Sonnenblume da.
Da kam das junge Paar, jetzt Mann und Frau, in den Garten; sie gingen am Gitter entlang, die junge Frau sah darüber hinaus.
„Da steht die große Diestel noch!“ sagte sie. „Jetzt hat sie keine Blüte mehr!“ „Ja, da ist das Gespenst von der letzten!“ sagte er und zeigte auf den silberschimmernden Rest der Blüte, der selbst eine Blüte war.
„Wie schön die ist!“ sagte sie. „So eine Distel muss in den Rahmen um unser Bild geschnitzt werden!“
Und der junge Mann musste abermals über das Gitter steigen und den Distelkelch abschneiden. Er stach ihn in die Finger, er hatte ihn ja „Gespenst“ genannt. Und der Kelch kam in den Garten und in das Schloss und in den Saal; da stand ein Gemälde: das junge Ehepaar. In das Knopfloch des Bräutigams war eine Distelblüte gemalt. Man sprach davon, und man sprach von dem Distelkelch, den sie brachten, die letzte, jetzt silbern schimmernde Distelblüte, die in den Rahmen hineingeschnitzt werden sollte.
„Was man doch alles erleben kann!“ sagte der Distelbusch. „Meine Erstgeborene kam ins Knopfloch, meine Letztgeborene kommt in den Rahmen! Wohin komme ich?“
Und der Esel stand am Wegesrande und schielte zu dem Busch hinüber.
„Komm zu mir, mein Fress-Schatz! Ich kann nicht zu dir kommen, die Leine ist nicht lang genug!“
Der Distelbusch antwortete nicht. Immer mehr versank er in Gedanken; er dachte und dachte, ganz bis an die Weihnachtszeit hinan, und dann zeigte der Gedanke seine Blüte.
„Wenn die Kinder glücklich drinnen sitzen, findet eine Mutter sich darein, außerhalb des Gitters zu stehen!“
„Das ist ehrenwert gedacht!“ sagte der Sonnenstrahl. „Sie sollen auch einen guten Platz bekommen!“
Im Topf oder im Rahmen?“ fragte die Distel.
„In einem Märchen!“ sagte der Sonnenstrahl.
Und hier ist es!

 

Über diese Märchen

Dieses Märchen wurde 1869 veröffentlicht.

Was die alte Johanne erzählte

Original-Übersetzung

 

Der Wind saust in dem alten Weidenbaum!
Es ist, als hörte man ein Lied; der Wind singt es, der Baum erzählt es. Verstehst du es nicht, dann frage die alte Johanne im Armenhaus, sie weiß Bescheid, sie ist hier im Dorfe geboren.
Vor vielen Jahren, als die Landstraße noch hier vorüberführte, war der Baum schon groß und bemerkbar. Er stand, wo er noch jetzt steht, vor dem weißen Fachwerkhaus des Schneiders, dicht am Teich, der damals so groß war, dass das Vieh darin getränkt wurde, und wo im heißen Sommer die kleinen Bauernjungen nackt herumliefen und im Wasser plätscherten. Dicht unter dem Baum war ein Meilenzeiger aus gehauenen Steinen aufgestellt; jetzt ist er umgefallen, die Brombeerranken wachsen darüber hin.
Jenseits des reichen Bauernhofes wurde die neue Landstraße angelegt, die alte wurde Feldweg, der Teich eine Pfütze, mit Entenflott überwuchert; plumpste ein Frosch hinein, so trennte sich das Grüne, und man sah das schwarze Wasser; ringsumher wuchsen und wachsen noch heute Rohrkolben, Bitterklee und gelbe Iris.
Das Haus des Schneiders wurde alt und schief, das Dach ein Mistbeet für Moos und Hauslauch; der Taubenschlag war eingestürzt, und der Star baute da; die Schwalben hängten Nest an Nest unter dem Giebel des Hauses und unter dem Dach auf, als sei hier eine Stätte des Glücks.
Das war es hier auch einmal; jetzt war es einsam und still geworden. Einsam und willensschwach lebte hier drinnen „der dumme Rasmus“, wie sie ihn nannten; er war hier geboren, er hatte hier gespielt, war über Feld und Zaun gesprungen, hatte als kleiner Junge im offenen Teich geplätschert und war in den alten Baum hinaufgeklettert.
Der erhob seine großen Zweige mit Pracht und Schönheit, so wie er sie noch jetzt erhebt, aber der Sturm hatte den Stamm schon ein wenig schief gebogen, und die Zeit hatte ihm einen Riss beigebracht; jetzt haben Wind und Wetter Erde in den Riss hineingelegt, es wachsen Gras und Kräuter darin, ja, ein kleiner Vogelbeerbaum hat sich selber da hineingepflanzt.
Wenn im Frühling die Schwalben kamen, flogen sie um den Baum und um das Doch, sie klebten und besserten ihre alten Nester aus, der dumme Rasmus ließ sein Nest stehen oder verfallen, wie es wollte; er besserte es weder aus noch stützte er es. „Was kann das nützen!“ war seine Redensart, und das war auch die seines Vaters gewesen.
Er blieb in seinem Heim, die Schwalben flogen fort, aber die kamen wieder, die treuen Tiere. Der Star flog fort, er kam wieder zurück und flötete sein Lied; einmal konnte Rasmus mit ihm um die Wette flöten; jetzt flötete und sang er nicht mehr.
Der Wind sauste in dem alten Weidenbaum, er saust noch, es ist, als hörte man ein Lied; der Wind singt es, der Baum erzählt es; verstehst du es nicht, dann frage die alte Johanne im Armenhaus, sie weiß Bescheid, sie ist klug in alten Geschichten, sie ist wie eine Chronik mit Aufzeichnungen und alten Erinnerungen.
Als das Haus neu und gut war, zog der Dorfschneider Ivar Ölse mit seiner Frau Maren hinein; strebsame, rechtschaffene Leute alle beide. Die alte Johanne war damals ein Kind, sie war die Tochter des Holzschuhmachers, eines der ärmsten Leute im Dorf. Manch ein gutes Butterbrot bekam sie von Maren, in deren Hause kein Mangel an Essen war; die stand sich gut mit der Schlossherrin, immer lachte sie und war froh, sie ließ sich nicht einschüchtern. Sie brauchte ihren Mund, aber auch ihre Hände; sie führte die Nähnadel ebenso schnell wie den Mund und besorgte dabei ihr Haus und ihre Kinder. Es war fast ein Dutzend, volle elf, das zwölfte blieb aus.
„Arme Leute haben immer das Nest voll von Gören!“ brummte der Schlossherr. „Könnte man sie wie die kleinen Katzen ersäufen und nur ein oder zwei von den stärksten behalten, so gäbe es nicht so viel Unglück!“
„Gott erbarme sich!“ sagte die Schneidersfrau. „Kinder sind doch ein Segen Gottes, sie sind die Freude im Hause. Jedes Kind ist ein Vaterunser mehr. Ist es knapp und hat man viele Münder zu versorgen, so strengt man sich stärker an, findet Rat und Tat in aller Ehrlichkeit, der liebe Gott verlässt uns nicht, wenn wir ihn nicht verlassen.“
Die Schlossherrin stimmte ihr bei, nickte freundlich und streichelte Marens Wange, das hatte sie oft getan, ja, sie hatte sie auch geküsst, aber da war die gnädige Frau noch ein kleines Kind und Maren ihr Kindermädchen. Sie liebten einander, und diese Gesinnung veränderte sich nicht.
Jedes Jahr, zur Weihnachtszeit, kam vom Schloss Wintervorrat für das Haus des Schneiders: eine Tonne Mehl, ein Schwein, zwei Gänse, eine Vierteltonne Butter, Käse und Äpfel. Das half der Speisekammer auf. Ivar Ölse sah denn auch recht vergnügt aus, kam aber doch bald wieder mit seiner alten Redensart: „Was kann das nützen!“
Rein und nett war es dort im Hause, Gardinen vor den Fenstern und Blumen auf den Fensterbrettern, Nelken und Balsaminen. Ein Namentuch prangte im Bilderrahmen, und dicht daneben hing ein Gedicht, das Maren Ölse selber gedichtet hatte; sie wusste die Reime zu fügen. Sie war stolz auf den Familiennamen Ölse. Immer bewahrte sie ihre gute Laune, niemals sagte sie wie der Mann: „Was kann das nützen!“ Ihre Redensart war: „Halte auf dich und halte dich am Herrn!“ Das tat sie, und das hielt das Ganze zusammen. Die Kinder gediehen gut und wuchsen über das Nest hinaus, kamen weit umher und schickten sich gut. Rasmus war der kleinste; er war ein so hübsches Kind, dass einer der großen Bildermaler in der Stadt ihn sich lieh, um ihn zu malen, und zwar so nackt, wie ihn der liebe Gott erschaffen hatte. Das Bild hing jetzt im königlichen Schloss, da hatte die Schlossherrin es gesehen und den kleinen Rasmus erkannt, obwohl er keine Kleider anhatte.
Aber nun kamen schwere Zeiten. Der Schneider bekam Gicht in beiden Händen, es setzten sich große Knoten, kein Doktor konnte helfen, nicht einmal die kluge Stine, die „dokterte“.
„Man muss nur nicht verzagen!“ sagte Maren. „Es hilft nicht, den Kopf hängen zu lassen! Nun kann der Vater die Hände nicht mehr gebrauchen, da muss ich sehen, dass ich meine um so flinker gebrauche. Der kleine Rasmus kann auch die Nadel führen!“
Es saß schon auf dem Tisch, pfiff und sang, er war ein lustiger Junge. Den ganzen Tag solle er nicht dasitzen, sagte die Mutter, das sei Unrecht gegen das Kind; spielen und springen sollte er auch.
Holzschuhmachers Johanne war sein bester Spielkamerad; sie hatte noch ärmere Eltern als Rasmus. Schön war sie nicht, barfüßig ging sie; die Kleider hingen ihr in Lumpen vom Leibe, sie hatte niemand, der sie ihr hätte ausbessern können, und es selber zu tun, fiel ihr nicht ein; sie war ein Kind und froh wie ein Vogel in des lieben Gottes Sonnenschein.
Am Meilenzeiger unter dem großen Weidenbaum spielten Rasmus und Johanne.
Er hatte hochfliegende Gedanken; er wollte einmal ein feiner Schneider werden und in der Stadt wohnen, wo Meister waren, die zehn Gesellen auf dem Tisch sitzen hatten, das hatte er von seinem Vater gehört; dort wollte er Geselle werden, und dort wollte er Meister werden, und dann sollte Johanne kommen und ihn besuchen, und wenn sie dann zu kochen verstand, sollte sie das Essen für sie alle machen und ihre eigene Stube haben.
Johanne wagte nicht recht daran zu glauben, aber Rasmus glaubte, dass es wohl geschehen würde.
Dann saßen sie unter dem alten Baum, und der Wind sauste in den Blättern und Zweigen, es war, als wenn der Wind sang und der Baum erzählte. Im Herbst fielen alle Blätter vom Baum, der Regen tropfte von den kahlen Zweigen.
„Sie schlagen wieder aus!“ sagte Mutter Ölse.
„Was kann das nützen!“ sagte der Mann. „Ein neues Jahr, neue Sorgen fürs Auskommen!“
„Die Speisekammer ist gefüllt!“ sagte die Frau. „Dafür können wir unserer guten gnädigen Frau danken. ich bin gesund und habe gute Kräfte. Es wäre unrecht von uns, wenn wir klagen wollten!“
Während der Weihnachtszeit blieben der Schlossherr und seine Frau in ihrem Schloss auf dem Lande, aber in der Woche nach Neujahr zogen sie in die Stadt, wo sie ihren Winter in Freude und Lustbarkeit verbrachten. Sie gingen auf Bälle und zu Festlichkeiten beim König selber.
Die gnädige Frau hatte zwei herrliche Kleider aus Frankreich bekommen; sie waren aus einem solchen Stoff, von einem solchen Schnitt und einer solchen Machart, dass die Schneidersfrau Maren noch nie eine solche Herrlichkeit gesehen hatte. Sie bat sich denn auch bei der gnädigen Frau aus, dass sie mit ihrem Mann auf das Schloss kommen dürfe, so dass auch er die Kleider sehen könnte. So etwas hätte der Dorfschneider noch nie gesehen, sagte sie.
Er sah sie und hatte kein Wort dafür, bis er nach Hause kam, und was er dann sagte, war nur, was er immer sagte: „Was kann das nützen!“ und diesmal wurden seine Worte Wahrheit.
Die Herrschaft kam in die Stadt, Bälle und Lustbarkeiten begannen da drinnen, aber während all dieser Herrlichkeit starb der alte Schlossherr und die Frau kam gar nicht in ihre kostbaren Kleider. Sie war so betrübt und von Kopf bis zu den Füßen in schwarze, dichte Trauerkleidung gehüllt; nicht einmal ein weißer Streifen war zu sehen; alle Dienstboten waren in Schwarz, selbst die Staatskutsche wurde mit schwarzem, feinem Tuch überzogen.
Es war eine eiskalte Frostnacht, der Schnee leuchtete, die Sterne blitzten; der schwere Leichenwagen kam mit der Leiche aus der Stadt nach der Schlosskirche, wo sie in dem Erbbegräbnis der Familie beigesetzt werden sollte. Der Verwalter und der Dorfschulze hielten zu Pferde und mit Fackeln vor der Kirchhofspforte. Die Kirche war erleuchtet, und der Pfarrer stand in der öffnen Kirchentür und nahm die Leiche in Empfang. Der Sarg wurde in den Chor hinaufgetragen, die ganze Gemeinde folgte. Der Pfarrer redete, ein Gesang wurde gesungen; die gnädige Frau war auch in der Kirche, sie war in der schwarzüberzogenen Staatskutsche dahin gefahren, die war inwendig schwarz und auswendig schwarz; so etwas war noch nie im Dorfe gesehen worden.
Von all diesen Trauerfeierlichkeiten wurde den ganzen Winter hindurch geredet, ja, das war ein „herrschaftliches Begräbnis“.
„Da sah man, was der Mann bedeutete!“ sagten die Leute im Dorf. „Er war hochadelig geboren, und er wurde hochadelig begraben!“
„Was kann das nützen!“ sagte der Schneider. „Jetzt hat er weder Leben noch Güter. Wir haben doch wenigstens einen Teil davon!“
„Rede doch nicht solche Worte!“ sagte Maren. „Er hat das ewige Leben im Himmelreich!“
„Wer hat dir das gesagt; Maren?“ fragte der Schneider. „Ein toter Mann ist guter Dünger! Aber der Mann hier war gewiss selber zu vornehm, um in der Erde Nutzen zu schaffen. Er soll in der Grabkapelle liegen!“
„Rede doch nicht so gottlos!“ sagte Maren. „Ich sage es dir nochmals: er hat das ewige Leben!“
„Wer hat dir das gesagt, Maren?“ wiederholte der Schneider.
Und Maren warf ihre Schürze über den kleinen Rasmus; er sollte solche Reden nicht hören.
Sie trug ihn hinüber in den Torfschuppen und weinte.
„Das, was du vorhin gehört hast, lieber Rasmus, das waren nicht deines Vaters Worte, die sagte der Böse, der durch die Stube ging und die Stimme deines Vaters annahm. Bete ein Vaterunser! Wir wollen beide beten!“ Sie faltete die Hände des Kindes.
„Jetzt bin ich wieder froh!“ sagte sie. „Halte auf dich und halte fest an dem lieben Gott!“
Das Trauerjahr war zu Ende, die Witwe ging in Halbtrauer. Im Herzen trug sie volle Freude.
Es wurde davon geflüstert, dass sie einen Bewerber habe und schon an Hochzeit denke. Maren wusste etwas davon, und der Pfarrer wusste noch ein wenig mehr.
Am Palmsonntag, nach der Predigt, sollten die Witwe und ihr Verlobter aufgeboten werden. Er war Holzschnitzer oder Bildhauer, den Namen seiner Beschäftigung wusste man nicht so recht, damals waren Thorwaldsen und seine Kunst noch nicht recht im Volksmund. Der neue Schlossherr war nicht hochadelig, aber doch ein sehr stattlicher Herr; er war etwas, was niemand verstand, sagten sie, er haute Bilder aus, war tüchtig in seinem Beruf, jung und schön.
„Was kann das nützen!“ sagte Schneider Ölse.
Am Palmsonntag wurde das Aufgebot von der Kanzel verlesen; dann folgten Gesang und Abendmahl. Der Schneider, seine Frau und der kleine Rasmus waren in der Kirche. Die Eltern gingen zum Abendmahl, Rasmus saß im Kirchenstuhl, er war noch nicht konfirmiert. Es hatte in der letzten Zeit in dem Haus des Schneiders an Kleidern gefehlt; die alten, die sie hatten, waren wieder und wieder gewendet, genäht und geflickt; nun waren sie alle drei in neuen Kleidern, aber es war schwarzes Zeug, wie zu einem Begräbnis, die waren in den Überzug der Trauerkutsche gekleidet. Der Mann hatte Rock und Hose davon bekommen, Maren ein hochhalsiges Kleid und Rasmus einen ganzen Anzug, in den er zur Konfirmation hineinwachsen konnte. Man hatte das auswendige wie auch das inwendige Zeug von der Trauerkutsche genommen. Niemand brauchte zu wissen, wozu es früher gebraucht worden war, aber die Leute bekamen es doch bald zu wissen, die kluge Frau Stine und ein paar andere ebenso kluge Frauen, die freilich nicht von ihrer Klugheit lebten, sagten, dass die Kleider Unglück und Krankheit ins Haus bringen würden. „Man darf sich nicht in eine Leichenkutsche kleiden, außer wenn man zu Grabe fährt.
Holzschuhmachers Johanne weinte, als sie das hörte, und da es sich nun so traf, dass der Schneider seit jenem Tage mehr und mehr kränkelte, so würde es sich wohl zeigen, wer daran glauben müsse.
Und es zeigte sich.
Am ersten Sonntag nach Trinitatis starb Schneider Ölse. Nun musste Maren das Ganze allein zusammenhalten; sie hielt es zusammen, sie hielt auf sich selber, und sie hielt sich am Herrn.
Das Jahr darauf wurde Rasmus eingesegnet; nun sollte er zur Stadt, zu einem großen Schneider, freilich nicht mit zwölf Gesellen auf dem Tisch, sondern mit einem; der kleine Rasmus konnte für einen halben gerechnet werden; froh sah er aus, aber Johanne weinte, sie liebte ihn mehr, als sie es selber wusste. Die Frau des Schneiders blieb in dem alten Haus und setzte die Profession fort.
Um die Zeit war es, dass die neue Landstraße eröffnet wurde, und die alte, die an dem Weidenbaum und an dem Hause des Schneiders vorüberführte, wurde Feldweg, der Teich wuchs zu. Entenflott legte sich über die Wasserpfütze, die zurückgeblieben war, der Meilenzeiger fiel um, er hatte keinen Zweck mehr, aber der Baum hielt sich kräftig und schön, der Wind sauste in Zweigen und Blättern.
Die Schwalben flogen fort, der Star flog fort, aber sie kamen im Frühling wieder, und als sie nun zum viertenmal zurückkehrten, kam auch Rasmus nach Hause. Er hatte sein Gesellenstück gemacht, war ein schöner Bursche, freilich ein wenig schmächtig. Jetzt wollte er seinen Ranzen schnüren, fremde Länder sehen; danach stand sein Sinn. Aber die Mutter hielt ihn zurück; daheim war es doch am besten! Alle die anderen Kinder waren ringsumher verstreut, er war der jüngste, er sollte das Haus haben. Arbeit könne er genug bekommen in der Gegend als reisender Schneider, vierzehn Tage auf dem einen Hof, vierzehn Tage auf dem anderen. Das war auch Reisen. Und Rasmus fügte sich seiner Mutter.
So schlief er wieder unter dem Dach seines Elternhauses, saß wieder unter dem alten Weidenbaum und hörte ihn sausen.
Gut sah er aus, pfeifen konnte er und neue und alte Lieder singen. Gern gesehen war er auf den großen Höfen, namentlich bei Klaus Hansen, dem zweitreichsten Bauer in der Gemeinde.
Die Tochter Else war wie die schönste Blume anzusehen, und sie lachte immer; es gab ja Leute, die schlimm genug waren, zu sagen, sie lache nur, um ihre schönen Zähne zu zeigen. Zum Lachen aufgelegt war sie und immer bereit, Narrenpossen zu treiben; alles kleidete sie.
Sie verliebte sich in Rasmus, und er verliebte sich in sie, aber niemand von ihnen sagte es mit klaren Worten.
Und dann ging er hin und wurde schwermütig; er hatte mehr von dem Sinn seines Vaters als von dem seiner Mutter. Guter Laune war er nur, wenn Else kam, dann lachten sie alle beide, scherzten und trieben Narrenpossen; aber obwohl Gelegenheit genug da war, sagte er doch nicht ein einziges heimliches Wort über seine Liebe. „Was kann das nützen!“ war sein Gedanke. „Die Eltern sehen auf Wohlstand für sie, und den habe ich nicht; am klügsten ist es, wegzureisen!“ Aber er konnte sich nicht von dem Hofe trennen, es war, als halte ihn Else an Fäden fest, er war in ihren Händen wie ein abgerichteter Vogel, er sang und pfiff nach ihrem Belieben und nach ihrem Willen.
Johanne, die Tochter des Holzschuhmachers, war Dienstmagd auf dem Hof, bei der geringsten Arbeit angestellt. Sie fuhr den Milchwagen aufs Feld, wo sie mit den andern Mägden die Kühe molk, ja, Dünger musste sie auch fahren, wenn es nötig war. Sie kam nicht in die beste Stube hinein, und sie sah nicht viel von Rasmus und Else, aber doch hörte sie, dass die beiden so gut wie verlobt seien.
„Dann kommt Rasmus in Wohlstand!“ sagte sie. „Das kann ich ihm gönnen!“ Und ihre Augen wurden ganz feucht, aber das war doch kein Grund zum Weinen.
Es war Markt in der Stadt; Klaus Hansen fuhr dahin, und Rasmus war mit dabei, er saß neben Else. Er war ganz berauscht vor Liebe, aber davon sagte er kein Wort zu ihr.
„Er muss mir doch etwas davon sagen!“ meinte das Mädchen, und darin hatte sie recht. „Wenn er nicht reden will, dann will ich ihn aufschrecken!“
Und bald sprach man auf dem Hofe davon, dass der reichste Hofbesitzer im Kirchspiel um Else gefreit habe, und das hatte er auch getan, aber niemand wusste, welche Antwort sie ihm gegeben hatte.
Die Gedanken schwirrten Rasmus im Kopfe herum.
Eines Abend steckte Else einen goldenen Ring an den Finger und fragte Rasmus dann, was er glaube, dass das zu bedeuten habe.
„Verlobung!“ sagte er.
„Und mit wem, glaubst du?“ fragte sie.
„Mit dem reichen Hofbesitzer!“ sagte er.
„Das hast du getroffen!“ sagte sie, nickte und schlüpfte davon.
Aber er schlich auch davon, kam heim in das Haus seiner Mutter wie ein verwirrter Mensch und schnürte seinen Ranzen. In die weite Welt hinaus wollte er; es half nichts, dass die Mutter weinte.
Er schnitt sich einen Stecken von dem alten Weidenbaume, er pfiff, als sei er guter Laune, er wollte hinaus, um die Herrlichkeit der ganzen Welt zu sehen. „Das ist ein großer Kummer für mich!“ sagte die Mutter. „Aber für dich ist es wohl am besten und am richtigsten, dass du fortkommst, dann muss ich mich darein schicken. Halte auf dich, und halte dich am Herrn, dann bekomme ich dich froh und vergnügt wieder.“
Er ging die neue Landstraße entlang, da sah er Johanne, die mit einem Fuder Dünger gefahren kam, sie hatte ihn nicht bemerkt, und er wollte nicht von ihr gesehen werden; er setzte sich hinter den Grabenzaun, da saß er gut verborgen – und Johanne fuhr vorüber.
In die Welt hinaus ging er. Niemand wusste wohin, seine Mutter dachte, er kommt wohl wieder nach Hause, ehe das Jahr um ist; nun bekommt er Neues zusehen, Neues zu denken und kommt dann wieder in die alten Falten hinein, die sich nicht mit einem Bügeleisen auspressen lassen. Er hat ein wenig zuviel von dem Sinn seines Vaters, ich sähe es lieber, wenn er meinen Sinn hätte, das arme Kind! Aber er kommt wohl heim, er kann ohne mich und das Haus nicht leben.
Die Muter wollte Jahr und Tag waren. Else wartete nur einen Monat, dann ging sie heimlich zu der klugen Frau Stine Madsdatter, die ‚“doktern“ konnte und aus Karten und Kaffee wahrsagen und mehr wusste als ihr „Vaterunser“. Sie wusste denn auch, wo Rasmus war. Das las sie aus dem Kaffeesatz. Er war in einer fremden Stadt, aber den Namen konnte sie nicht lesen. In der Stadt waren Soldaten und hübsche Mädchen. Seine Gedanken waren darauf gerichtet, die Flinte oder eins von den Mädchen zu nehmen.
Else konnte es nicht ertragen, das zu hören. Sie wollte gern ihr Spargeld geben, um ihn freizukaufen, aber niemand durfte es wissen.
Und die alte Stine versprach, dass er zurückkommen solle. Sie verstand sich auf eine Kunst, auf eine gefährliche Kunst für den, dem sie galt, aber das war das äußerste Mittel. Sie wollte den Kessel aufsetzen, um nach ihm zu kochen, und dann musste er fort, wo in der Welt er auch war, er musste heim, dahin, wo der Kessel und die Liebste ihn erwarteten; es konnten Monate darüber hingehen, ehe er kam, aber kommen musste er, wenn er noch am Leben war. Ohne Ruhe und Rast, Tag und Nacht musste er wandern, über See und Berg, mochte das Wetter mild oder rau sein, mochten die Füße noch so müde werden. Heim sollte er, heim musste er.
Der Mond war im ersten Viertel, das sei nötig für die Kunst, sagte die alte Stine. Es war stürmisches Wetter, es krachte in dem alten Weidenbaume; Stine schnitt einen Zweig ab, band einen Knoten hinein, das sollte schon helfen, Rasmus nach dem Hause seiner Mutter zurückzuziehen. Moos und Hauslauch wurden vom Dach genommen und in den Kessel getan, der auf das Feuer gesetzt wurde. Else sollte ein Blatt aus dem Gesangbuch reißen, sie riss zufällig das letzte Blatt heraus, das mit den Druckfehlern. „Das ist ganz egal!“ sagte Stine und warf es in den Kessel.
Alles mögliche musste in die Grütze hinein, die kochen und immer kochen musste, bis Rasmus nach Hause kam. Der schwarze Hahn in der Stube bei der alten Stine musste seinen roten Kamm hergeben, der kam in den Kessel. Elses dicker, goldener Ring kam auch hinein, und den würde sie nie wieder zu sehen bekommen, das sagte ihr Stine im voraus. Sie war so klug, Stine. Mancherlei, was wir nicht nennen können, kam in den Kessel hinein; er stand beständig auf dem Feuer oder auf glühenden Kohlen oder heißer Asche. Nur sie und Else wussten es.
Der Mond nahm zu, der Mond nahm ab; jedes Mal kam Else und fragte: „Siehst du ihn nicht kommen?“ „Vieles weiß ich“, sagte Stine, „und vieles sehe ich, aber die Weglänge, die er zu gehen hat, kann ich nicht sehen. Nun ist er über die ersten Berge! Nun ist er auf der See bei bösem Wetter! Der Weg ist lang, durch große Wälder, er hat Blasen an den Füßen, er hat Fieber im Kopf, aber weiter muss er.“
„Nein, nein!“ sagte Else. „Es tut mir so leid!“
„Jetzt kann er nicht zurückgehalten werden, denn wenn wir das tun, so stürzt er tot auf der Landstraße um!“
Jahr und Tag sind vergangen. Der Mond schien rund und groß, der Wind sauste in dem alten Baum, am Himmel zeigte sich ein Regenbogen im Mondschein.
„Das ist das Zeichen der Bestätigung!“ sagte Stine. „Nun kommt Rasmus.“
Aber er kam doch nicht.
„Die Wartezeit ist lang!“ sagte Stine.
„Jetzt habe ich es satt!“ sagte Else. Sie kam seltener zu Stine, brachte ihr keine neuen Geschenke.
Ihr Sinn wurde leichter, und eines schönen Morgens wussten sie alle im Dorfe, dass Else dem reichsten Hofbesitzer ihr Wort gegeben hatte.
Sie fuhr hinüber, um Hof und Acker, Vieh und Hausgerät anzusehen. Alles war in gutem Stande, da war kein Grund, mit der Hochzeit zu warten.
Sie ward mit einem großen Gastmahl, das drei Tage währte, gefeiert. Da wurde zu Klarinetten und Violinen getanzt. Niemand im Dorfe war bei der Einladung vergessen. Mutter Ölse war auch da, und als das Fest zu Ende war und die Schaffner den Gästen gedankt hatten und die Trompeten abgeblasen hatten, ging sie nach Hause mit den Resten von der Festmahlzeit.
Sie hatte die Tür nur mit einem Pflocke geschlossen, der war herausgenommen, die Tür stand offen, und in der Stube saß Rasmus. Er war heimgekehrt; in dieser Stunde gekommen. Herrgott, wie sah er aus! Nichts als Haut und Knochen, bleich und gelb war er.
„Rasmus!“ sagte die Mutter. „Bist du es, den ich da sehe! – Wie siehst du elend aus! Aber ich freue mich von ganzem Herzen, dass ich dich wiederhabe!“ Und sie gab ihm von den guten Speisen, die sie vom Gastmahl heimgebracht hatte, ein Stück vom Braten und von der Hochzeitstorte.
Er habe in der letzten Zeit, sagte er, soviel an seine Mutter, seine Heimat und den alten Weidenbaum gedacht. Es war sonderbar, wie oft er in seinen Träumen den Baum und die barfüßige Johanne gesehen habe.
Else erwähnte er nicht. Krank war er und zu Bett musste er; aber wir glauben nicht, dass der Kessel schuld daran war oder dass er seine Macht über ihn ausgeübt hatte. Nur die alte Stine und Else glaubten es, aber sie sprachen nicht davon.
Rasmus lag in heftigem Fieber, ansteckend war es, niemand kam daher in das Haus des Schneiders außer Johanne, des Holzschuhmachers Tochter. Sie weinte, als sie sah, wie elend Rasmus war.
Der Doktor verschrieb ihm etwas von der Apotheke; er wollte keine Medizin nehmen. „Was kann das nützen!“ sagte er.
„Ja, dann wirst du wieder besser!“ sagte die Mutter. „Halte auf dich, und halte dich am Herrn! Könnte ich doch nur sehen, dass du wieder Fleisch auf den Knochen hast, könnte ich dich doch wieder flöten und singen hören, dann wollte ich gern mein Leben lassen!“
Und Rasmus genas von der Krankheit, aber seine Mutter bekam sie. Der liebe Gott rief sie zu sich und nicht ihn.
Einsam war es dort im Hause, und noch ärmer wurde es da drinnen. „Er ist verbraucht!“ sagten sie im Dorfe. „Der dumme Rasmus!“
Ein wildes Leben hatte er auf seinen Reisen geführt, das und nicht der Kessel, der kochte, hatte sein Mark ausgesogen und ihm die Unruhe in den Körper gebracht. Das Haar wurde dünn und grau; etwas Ordentliches tun mochte er nicht. „Was kann das nützen!“ sagte er. Er ging lieber in den Krug als in die Kirche.
An einem Herbstabend kam er, in Regen und Wind, beschwerlich den schmutzigen Weg vom Kruge nach seinem Hause gegangen. Seine Mutter war lange fort, in ihr Grab gelegt. Die Schwalben und der Star waren auch fort, die treuen Tiere. Johanne, die Tochter des Holzschuhmachers, war nicht fort; sie holte ihn auf dem Wege ein, sie begleitete ihn eine Strecke.
„Nimm dich zusammen, Rasmus!“
„Was kann das nützen!“ sagte er.
„Das ist eine dumme Redensart, die du da hast!“ sagte sie. „Denke an die Worte deiner Mutter: „Halte auf dich, und halte dich am Herrn!“ Das tust du nicht, Rasmus! Das muss man und soll man tun. Sage niemals: „Was kann das nützen“, dann reißt du all dein Tun mit der Wurzel aus!“
Sie begleitete ihn bis an seine Haustür, da ging sie von ihm. Er blieb nicht im Hause. Er ging nach dem alten Weidenbaum, setzte sich auf einen Stein des umgestürzten Meilenzeigers.
Der Wind sauste in den Zweigen des Baumes; es war wie eine Rede. Rasmus antwortete darauf, er sprach laut, aber niemand hörte es, nur der Baum und der sausende Wind.
„Mich überfällt eine solche Kälte! Es ist wohl Zeit, zu Bett zu gehen! Schlafen! Schlafen!“
Und er ging aber nicht nach Hause, an den Teich hinab ging er; dort schwankte er und fiel. Der Regen strömte herab, der Wind war so eisig kalt, er fühlte es nicht; aber als die Sonne aufging und die Krähen über das Röhricht des Teiches flogen, erwachte er, halbtot. Hätte er seinen Kopf dahin gelegt, wo seine Füße lagen, dann hätte er sich nie wieder erhoben, das grüne Entenflott wäre sein Leichentuch geworden.
Als der Tag vorüber war, kam Johanne nach dem Hause des Schneiders. Sie war seine Hilfe, sie brachte ihn ins Krankenhaus.
„Wir haben einander von klein auf gekannt“, sagte sie. „Deine Mutter hat mir Bier und Essen gegeben, das kann ich ihr nie vergelten. Du wirst wieder gesund werden, du wirst ein Mensch werden und leben.“
Und der liebe Gott wollte, dass er leben sollte. Aber auf und ab ging es mit Gesundheit und Stimmung.
Die Schwalben und der Star kamen und flogen wieder fort. Rasmus war alt vor den Jahren. Einsam saß er im Hause, das mehr und mehr verfiel. Arm war er, ärmer jetzt als Johanne.
„Du hast keinen Glauben!“ sagte sie, „und wenn wir den lieben Gott nicht haben, was haben wir dann! – Du solltest zum Abendmahl gehen!“ sagte sie. Du bist seit deiner Einsegnung nicht da gewesen!“
„Ja, was kann das nützen!“ sagte er.
„Wenn du das sagst und glaubst, dann lass es nur sein! Unwillige Gäste will der Herr nicht an seinem Tische haben. Denke doch an deine Mutter und an deine Kindheit! Du warst einmal ein guter, frommer Junge. Soll ich dir einen Gesang vorlesen?“
„Was kann das nützen!“ sagte er.
„Mich tröstet es immer!“ antwortete sie.
„Johanne, du bist wohl unter die Frommen gegangen?“ Er sah sie mit matten, müden Augen an.
Und Johanne betete den Gesang, aber nicht aus einem Buch, sie hatte keins, sie wusste ihn auswendig. „Das waren schöne Worte“, sagte er; „aber ich konnte nicht ganz folgen. Mir ist der Kopf so schwer!“
Rasmus war ein alter Mann geworden; aber Else war auch nicht mehr jung, wenn wir von ihr reden sollen; Rasmus redete nie von ihr. Sie war Großmutter; ein kleines, geschwätziges Mädchen war ihre Enkelin; die Kleine spielte mit den anderen Kindern im Dorfe. Rasmus kam, auf seinen Stock gestützt; er stand still, sah dem Spiel der Kinder zu, lächelte ihnen zu, alte Zeiten schimmerten in seine Gedanken hinein. Elses Enkelin zeigte auf ihn. „Dummer Rasmus!“ rief sie; die anderen kleinen Mädchen folgten ihrem Bespiel. „Dummer Rasmus!“ riefen sie und verfolgten den alten Mann mit Geschrei.
Das war ein grauer, schwerer Tag und dem folgten mehrere solcher Tage; aber nach grauen und schweren Tagen kommt auch wieder ein sonniger Tag.
Es war ein schöner Pfingstmorgen; die Kirche war mit grünen Birkenzweigen geschmückt; es war ein Duft wie im Walde drinnen, und die Sonne schien über die Kirchenstühle hin. Die großen Altarkerzen waren angezündet; es war Abendmahl. Johanne war zwischen den Knienden, aber Rasmus war nicht unter ihnen. Gerade an dem Morgen hatte der liebe Gott ihn zu sich gerufen.
Bei Gott ist Gnade und Barmherzigkeit.
Viele Jahre sind seitdem vergangen; das Haus des Schneiders steht noch da, aber niemand wohnt dort; der erste Nachtsturm kann es umwerfen. Der Teich ist mit Schilf und Bitterklee überwuchert. Der Wind saust in dem alten Baum, es ist, als hörte man ein Lied; der Wind singt es, der Baum erzählt es; verstehst du es nicht, dann frage die alte Johanne im Armenhaus.
Sie lebt dort, sie singt ihren Gesang, denselben, den sie Rasmus vorgesungen hat; sie denkt an ihn, sie betet zu dem lieben Gott für ihn, die treue Seele. Sie kann erzählen von der Zeit, die verging, und von den Erinnerungen, die in dem alten Baum sausen.

 

Über diese Märchen

Dieses Märchen wurde 1872 zum ersten mal in dem Buch namens ”Nye Eventyr og Historier. Tredie Række. Anden Samling. 1872” veröffentlicht.

Von einem Fenster im Vartou

Original-Übersetzung

 

Nach dem grünen Walle hinaus, der sich rings um Kopenhagen zieht, liegt ein großes rotes Haus mit vielen Fenstern, in denen Balsaminen und Ambrabäumchen wachsen; innen sieht es ärmlich aus und armes, altes Volk wohnt dort. Es ist das Vartou, das Armenhaus.
Sieh, oben lehnt sich eine alte Jungfer gegen den Fensterrahmen. Sie pflückt ein welkes Blatt von der Balsamine und sieht auf den grünen Wall hinaus, wo lustige Kinder sich tummeln. Woran denkt sie? Ein Lebensschicksal zieht an ihr vorüber.
Die ärmlichen Kleinen, wie glücklich sie spielen! Welch rote Wangen, welch strahlende Augen haben sie, aber an den Beinchen nicht Schuhe noch Strümpfe. Sie tanzen auf dem grünen Walle, von dem die Sage erzählt, dass man vor vielen, vielen Jahren, als die Erde unter dem Wall immer wieder fortsank, ein unschuldiges Kind mit Blumen und Spielzeug in ein offenes Grab lockte, das zugemauert wurde, während die Kleine spielte und aß. Von diesem Tage an lag der Wall fest und trug bald einen üppig grünenden Rasen. Die Kleinen kannten die Sage nicht, sonst würden sie das Kind noch immer weinen hören unter der Erde, und der Tau auf dem Grase würde ihnen wie brennende Tränen erscheinen. Sie kannten nicht die Geschichte von Dänemarks König, der, als der Feind draußen lag, hier vorbeiritt und schwor, er wolle eher sterben als sich ergeben. Da kamen die Männer und Frauen der Stadt und gossen kochendes Wasser über die weißgekleideten Feinde, die im Schnee die äußere Wallseite erkletterten.
Lustig spielen die armen Kleinen.
Spiele, Du kleines Mädchen. Bald kommen die Jahre, die schönen, glücklichen Jahre; die Konfirmanden spazieren Hand in Hand, Du gehst im weißen Kleide. Es hat Deine Mutter genug gekostet, ob es auch aus einem größeren alten zurechtgenäht wurde. Du bekommst einen roten Schal, der fast nachschleppt, so lang ist er; aber so kann man doch sehen, wie groß er ist, wie allzu groß. Du denkst an Deinen Staat und an den lieben Gott. Herrlich ist so eine Wanderung auf dem Walle. Und die Jahre vergehen und manch trüber Tag, Du aber hast Deinen frischen Jugendsinn. Und dann bekommst Du einen Freund, kaum weißt Du es selbst. Ihr begegnet Euch; Ihr wandert auf dem Walle im zeitigen Frühjahr, wenn alle Kirchenglocken den Bußtag einläuten. Noch sind dort keine Veilchen zu finden, aber draußen vor dem Rosenburg-Schloss steht ein Baum mit den ersten grünen Knospen, da steht Ihr stille. Jedes Jahr treibt der Baum neues Grün, doch nicht das Herz in der Menschenbrust. Mehr dunkle Wolken streifen darüber hin, als der Norden kennt. Armes Kind! Deines Bräutigams Brautkammer ist der Sarg, und Du wirst eine alte Jungfer; vom Vartou siehst Du hinter Balsaminen auf die spielenden Kinder herab, siehst Dein Schicksal sich wiederholen.
Dies ist das Lebensschicksal, das vor der alten Jungfer vorüberzieht, die auf den Wall hinausblickt, wo die Kinder mit roten Wangen und ohne Strümpfe und Schuhe jubeln, wie all die andern Vögel des Himmels.

 

Über diese Märchen

Dieses Märchen wurde 1846 zum ersten mal in dem Buch namens ”To Billeder fra Kjøbenhavn” veröffentlicht.

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